menschlicher Vorrang

„D a s eben bezeichnet den Vorrang, den der Mensch nicht nur vor den übrigen Naturwesen, sondern den er selbst im ‚Reich der Geister‘, im Reich der Intelligenzen behauptet, daß er sein Wesen nicht von Anfang an fertig empfängt, sondern daß er es kraft freier Entscheidung gestaltet. Diese Gestaltung widerspricht jeder Determination von außen – mag diese selbst nun als ‚stofflich‘, oder als ‚geistig‘, als materiell oder als spirituell angesehen werden.“ *
Wir haben bereits eingeräumt, dass Pico den Menschen überschätzt, idealisiert haben mag. Doch muss man auch sagen, dass die von ihm bekundete Hochachtung wenig Schaden anrichten kann (und wohl gar keinen bisher angerichtet hat), dass aber Urteile über den Menschen, die auf seine Herabsetzung und Entwürdigung hinauslaufen, durchaus geeignet sind, die in jedem Menschen lauernde Kränkbarkeit, das schlechte Selbstgefühl, die mangelnde Selbstliebe usw. in einer Weise zu potenzieren, die sich dann wieder den Erfahrungen mitteilt, die wir selbst mit uns und mit anderen machen.
Nüchtern betrachtet kommt ein Menschenkind mit vielen Nachteilen auf die Welt: hilflos, anfällig, unfähig auch im Erwachsenenalter ohne die Mithilfe und Stütze seiner Artgenossinnen und –genossen zu leben. Bedürftigkeit ist ein Kennzeichen, das der Souveränität, die Pico für menschenwesentlich hält, geradezu hohnlacht.
Doch lassen sich diese offensichtlichen Mängel samt und sonders auch als Möglichkeiten deuten. Die Nichtfestgelegtheit, die auch in der Anthropologie des zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder betont wurde, schwingt natürlich in dem Begriff menschenmöglicher Welt- und Naturoffenheit ebenso mit wie in den Freiheitsspielräumen, die der Gattung und dem Individuum zuerkannt werden.
Aus dem Unfertigsein ergeben sich Gestaltungsfreiräume, die das Risiko bergen, dass der zögerliche Gestalter seiner eigenen Persönlichkeit, seines eigenen Geschicks sich leicht in Unbestimmte verliert und ohne Kontur bleibt. Und dass er dann, orientierungslos, sich umso leichter Zwängen aller Art unterwirft, in vorgelegte Gleise, in vorgeschriebene Bahnungen verfällt, um also umso stärker irgendwelchen Fremdbestimmungen und Determinationen zu verfallen.
Ein solches Unterliegen und Preisgeben der idealen Bestimmung, die Pico skizziert, ist leider eher die Regel, während das souveräne Individuum, das Pico als Renaissancemensch mit dem Renaissancemenschen im Blick hat, immer wieder nur als Ausnahme vorkommt, wenn auch als historisch oft wirkmächtige Ausnahme.

Nun ist die Unfestgelegtheit des Menschen keineswegs eine Entdeckung der Neuzeit, ja, auch Pico hat sie nicht als erster gesehen. Schon immer wurde mit unserer Sterblichkeit eine Vergänglichkeit mitgedacht, die bis tief in den Kern der Person reicht und eine Unbeständigkeit, eine Wechselhaftigkeit stiftet, die eigentlich nichts anderes ist als die negative Kehrseite des humanen Privilegs, auf keine natürlichen Triebe und unweigerlich sich durchsetzende Anlagen oder andere Schicksalsfaktoren, zum Beispiel die Gestirne, verpflichtet zu sein.
Ein unschätzbares Privileg, aus dem sich unsere Freiheit speist, das aber einhergehen kann mit einem Ungehaltensein, der ständigen Gefahr, abzudriften, auszugleiten, hinzufallen, abzustürzen beim übereilten Versuch, die scheinbar zum Greifen nahen Höhen und Gipfel zu erklimmen.

*) Ernst Cassirer, Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance, 1927/1994, 125

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