Geruchssinn

Was man als Gestank empfindet, ist mindestens so vielfältig wie das, was man schlicht Geruch nennt.
Ohne Ansehen dieses Sachverhalts redet man von Gerüchen in der Mehrzahl, lässt aber Gestank nur im Singular gelten. Gestänke gibt es nicht. Oder wenn, dann bedeutet dies Wort etwas anderes.
Die Einübung des Geruchssinns ist überwiegend den Düften gewidmet. Also den Wohlgerüchen. Es hat den Anschein, als sperrte sich bereits unser Geruchsorgan gegen die faktische Mannigfaltigkeit der üblen Gerüche. Als hielte sich die Nase von innen zu.
Bei den Lebewesen, die mit einem feiner entwickelten Geruchssinn ausgestattet sind, bewundern wir den Gefallen, den sie, wie Hunde zum Beispiel, beim Erschnüffeln von Kot oder Aas finden. Auch unter den Insekten gibt es viele, die auf Gerüche ansprechen, die uns unangenehm oder sogar widerlich aufstoßen, wie Erbrochenes oder Fäkalien.
Es ist nicht auszuschließen, dass auch die Menschen in ihrer Frühzeit viel mehr und anders als heute mit ihren Nasen herumspürten, auf dem Boden entlang nach Nahrung, bei einander und gegenseitig nach sexueller Stimulation. Das hat sich im Laufe der Jahrtausende gegeben, wurde zurückgedrängt durch das Primat der anderen Sinne. Zum Verlust trug entscheidend der aufrechte Gang bei. Nahe am Erdboden gibt es viel mehr zu erschnüffeln als ein oder zwei Meter darüber.
Es scheint, als sei der Geruchssinn nicht nur stammesgeschichtlich, sondern auch in der Entwicklung des einzelnen Menschenkindes sehr früh angelegt. Vielleicht haben die Säuglinge anfangs die Muttermilch auch erschnuppert. Im zarten Alter haben diese Menschenwesen auch einen zarten, einen ganz anderen Geruch als erwachsene Menschen. Sie duften geradezu, haben einen angenehmen Geruch wie frisches Brot.
Alte Menschen riechen streng oder altbacken. Gewiss würde eine junge Mutter nie auf den Gedanken kommen, eine Greisin oder einen Greis an die Brust zu nehmen.
Die Skala der Wohlgerüche, die wir Menschen in dem einzähligen Begriff Gestank subsummieren und komprimieren, dürfte bei Hunden ins Unvorstellbare gehen.

Andere Lebewesen lehren uns, dass es Gerüche geben muss, die wir als solche nicht einmal wahrnehmen. Sie gehören einer Lebenswelt an, aus der wir ausgeschlossen sind, wie einst aus dem Garten Eden. Wie es dort geduftet, nach heutigem Empfinden vielleicht auch gestunken haben mag, können wir uns nicht farbig und nuancenreich genug ausmalen.

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