zu Goyas Capricho Nr. 43

„El sueno de la razon produce monstruos“ steht auf dem Sockel, auf den der von Ungeheuern umgebene und umflatterte Mann aufgestützt liegt, dass Gesicht nach unten, die Stirn auf die zusammengeschobenen Hände gelegt. Schläft er? Döst er vor sich hin? Er illustriert mit seiner Haltung, die Erschöpfung und eine an Verzweiflung grenzende Resignation durchscheinen lässt, diesen dubiosen Spruch, der da für die Betrachter des Bildes aufgeschrieben steht.
Dämmer der Vernunft. Was wird daraus hervorgehen? Wird es heller oder noch dunkler werden? Wird aus diesem Dämmern Licht hervortreten oder Finsternis?
Es scheint, als habe Ermattung, vielleicht sogar Erschöpfung dem Mann den Stift aus der Hand geschlagen. Nun liegt er am Rande einiger unbeschriebener Blätter. Schreiben als Einwand gegen die nächtlichen Wesen, als Mittel der Selbstbehauptung eines wachen Geistes gegen Nachtmahre und Schimären jener Regionen, welche die Vernunft mit ihrem kleinen Licht zu erhellen versucht. Eine Leuchte, die die in der Dunkelheit verborgenen Wesen aufscheucht, aufstört. Eine offensichtliche Iritation der Finsternis und ihrer Bewohner.
Die Vernunft erzeugt Monstren, schlafend und halbschlafend.
Sie kann nicht umhin, sich erschrecken zu lassen von dem, was sie aufschreckt.
Es findet durch die Hintertür Eingang auch in ihre Wachträume und Wunschträume.
Es verwirrt und verschattet ihre Träume von einer besseren Welt und kehrt wieder in dem, was sie als Wissenschaft und Technik, als zivilisatorischen Fortschritt realisiert. Dieses Spukwesen durchsetzt die glasklar konzipierten Wirklichkeiten, die sie – die Vernunft – zu verantworten meint.
Vernunft kann nicht anders, es gehört ihr zu, sich auf Fremdes einzulassen und in der Erkenntnis dieses Anderen, mitunter auch in der missbräuchlichen Entblößung und Vergewaltigung des ihr Entgegengesetztem und sich Entgegenstellendem Mischwesen und Missgebildetes, eben Monstren zu zeugen.
Und noch einmal: wenn sowohl der Traum (sueno) der Vernunft, wie auch ihr Schlaf (sueno) Monstren hervorbringt, von ihren Dämmerzuständen gar nicht zu reden, könnte sein, dass es nicht nur an der Vernunft liegt und nicht nur an der Finsternis, deren Insassen ihr Scheinwerferlicht aufschreckt. Indem das Aufschreckende seinerseits erschrecken macht, liegt es vermutlich an beiden.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.