Dinge sehen

„Wir können einem Gegenstand in unserer Alltagswahrnehmung tausendmal begegnen, ohne jemals seine Form ‚gesehen‘ zu haben, und geraten in Verlegenheit, wenn wir nicht seine physikalischen Eigenschaften oder Wirkungen, sondern seine visuelle Gestalt und seine Struktur beschreiben sollen. Die Kunst überbrückt diese Kluft.“ *
Einen Gegenstand sehen, wie er ist oder sein könnte. Nicht im Hinblick auf eine Funktion, sein Material, seine Verwendbarkeit. Das lehrt, wie Cassirer meint, die bildende Kunst. Denn die „Seele“ eines Gegenstandes liegt in seiner Form. Leider haben wir heute ein sehr äußerliches Verständnis von ‚Form‘, einen oberflächlichen Begriff, der es nicht verdient, formal genannt zu werden. Formalitäten sind Äußerlichkeiten. Äußerlich ist der Begriff ‚Form‘ nur insofern, als er die gesamte Oberfläche z.B. eines Körpers umfasst und umschließt. Das macht die optische Sichtbarkeit einer ‚Form‘ aus. Aber Dieser Terminus meint bei weitem mehr. Eine Ahnung davon gibt die Definition von Form, die man die klassische nennen könnte und in der die Form eines Körpers gleichgesetzt wird mit seiner Seele:
anima forma corporis. Diesen Satz kann man wiedergeben mit „Form ist die Seele eines Körpers“, oder aber auch „die Seele ist die Form eines Körpers“.
Das Vermögen und der Auftrag der bildenden Kunst besteht demnach darin – und das wird in der Stilllebenmalerei besonders deutlich – diese geistige Realität, eben die Seele einer körperlichen Erscheinung darzustellen, vor Augen zu führen.
Kunst verfügt über die Fähigkeit, den wesentlichen Aspekt einer Sache, gleichsam die Seele zur Geltung kommen zu lassen. Dies gilt für die Stilllebenmalerei in ausgesprochenem Maße.
„Es schläft ein Lied in allen Dingen“, lautet die erste Zeile eines zauberhaften Gedichts von Joseph von Eichendorff.

*) Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen, 222

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