Mammon

In der Bildsprache Jesu ist von Mammon die Rede, ein Begriff, der – da unübersetzbar – in die meisten nachbiblischen Sprachen so übernommen worden ist. Dadurch hat sich seine Unverständlichkeit erhalten, obwohl diejenigen, die diesen Ausdruck gebrauchen, oft zu wissen meinen, was damit gemeint ist.
Am häufigsten versteht man darunter Geld und materiellen Besitz, zwei Dinge, die ineinander übergehen, aber durchaus nicht miteinander gleichzusetzen sind. Besitz ist eine ruhende, Geld eine sehr bewegliche, ja fluide Sache. Bzw. eine menschliche Erfindung, ein Tauschmittel und Gedankending (nooumenon) zugleich, auf das man sich konventionell geeinigt und gesellschaftlich festgelegt hat.

In seinem „Biblisches Wörterbuch“, in einem Artikel zu „Imagination, phantasía“, führt Fr. Chr. Oetinger die Ambivalenz dieser Begriffe vor.* Er erwähnt einen Passus in der Apostelgeschichte, wo das Auftreten des Königs Agrippa mit seiner Frau Berenike geschildert wird. Die beiden erscheinen vor dem römischen Statthalter metà polles phantasías, mit viel Gepränge. Apostelgeschichte 25, 23
Das Herrscherpaar führt dem versammelten Publikum den Glanz und die Glorie ihrer Majestät vor Augen, eine Präsentation und Inszenierung von Geld, Besitz und Macht. Sie soll ihre Wirkung haben bei der anwesenden Untertanenschaft ebenso wie bei den Vertretern der römischen Autorität.

Der Ausdruck phantasía lässt durchblicken dass es ein eingebildeter Glanz ist, ein Spektakel, zu dem die Akteure und die Zuschauer beitragen. Er ist der Imagination entliehen und dem Geschehen, dem, was da zur Erscheinung kommt, aufgetragen.
Auch der Mammon, von dem im Evangelium die Rede ist, ist eigentlich als etwas Uneigentliches, als ein phantásma zu verstehen, als eine imaginierte Größe – man könnte auch sagen: eine Projektion.
Aus eben diesem Grunde ist im Umgang mit dieser Größe eine hohe Vorsicht und Behutsamkeit geboten. Sie ist entliehen, eine aufgesetzte Qualität, die sich aber dennoch massiv und wirksam geltend, als Wirklichkeit geltend macht.
Von Phantasien und Imaginationen und uneigentlichen Realitäten lässt man sich leicht – und oft auch gerne – täuschen:
„Die Bildungskraft kann übrigens Anfangs nur die Gedanken hervorbringen ohne Wesen; hernach aber macht sie sich Wesen, hier ist also nicht ein Nichts, sondern ein erwachsenes, selbst geborenes Etwas. Davor hüte dich!“ **

Um solch ein ‚gemachtes Wesen‘ handelt es sich beim Mammon.
Daher nennt ihn Jesus in der Parabel vom ungetreuen Haushalter, Lukas 16, 1 ff., den Mammon der Ungerechtigkeit, mamona tes adikías, Luk. 16, 9. Das ungerechte Moment liegt darin, dass er entliehen ist, gleichsam herausgezogen und dann verselbständigt.

Dennoch – oder eben daher – rät Jesus: macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit, Luk. 16, 9.

In Geld, Reich- und Besitztum erhält die ‚Bildungskraft‘ einen konkreten, Wirklichkeit vortäuschenden Anhalt, den sie – oder in dem sie sich – ausgestaltet. Es ist ja in der Tat unser inneres Vermögen, aus Nichtigem Reales zu schaffen und anschließend aus diesem Realisierten neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Daher: Macht euch Freunde aus dem Mammon der Ungerechtigkeit, als nicht mit dem Mammon, wie oben übersetzt wurde, sondern wörtlich aus, ek.

Doch sind die Möglichkeiten der Imagination nicht darauf beschränkt, dem Nichtigen Geltung abzugewinnen oder zu verschaffen. Das ist nur die eine Seite der phantasía.
Oetinger macht noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam, der uns im Zuge der Aufklärung, die gerne als Konfrontation von kundiger Vernunft und vernunftloser, unverständiger Träumerei gesehen wird, verloren gegangen ist.
Oetinger betont die Imagination als „Kraft, sich abwesende Dinge als gegenwärtig zu machen“. Er bringt dann ein Beispiel: „Vermöge dieser Kraft haben die Jünger Jesum, als er Matth. 14 auf dem Meere ging, nicht als ein Wesen, sondern als ein Phántasma, ein vorgestelltes Bild anzusehen sich beigehen lassen. Ihr Schrecken machte, daß sie meinten, es sei nicht Jesus selbst, sondern nur ein Bild. Wenn wir etwas wirklich sehen, so können wir durch Einbildung meinen, wir sehen nur einen Schein. So muß denn die Einbildungskraft der Seele, die Phantasie, da man außer sich etwas sieht mit oder ohne Substanz, zurechtgestellt werden durch die wahre Ordnung der Dinge außer uns (…). Man muß … diese Kraft (die Phantasie) nicht wegwerfen, sondern gebrauchen und mit Vergleichung andrer Dinge in die Richte bringen. Etwas zu nichts machen (wie die sogenannten Rationalisten so vielfach thun), ist Phantasie; nichts wie die harmonia praestabilita,* zu etwas machen, ist eben so große Phantasie.“

*) Fr.  Chr. Oetinger, Biblisches Wörterbuch, 1776, unter „Imagination“
**) ebenda
***) = prästabilisierte Harmonie, eine Idee, die sich bei Leibniz findet und die das Universum einschließlich der Menschenwelt und der dort sich ereignenden Zu- und Unfälle vorherbestimmt sieht durch eine, von Gott uranfänglich und ein für allemal verfügte und entschiedene ‚Stimmigkeit‘, zugleich eine Entscheidung gegen das Chaos, das dieser Seinsordnung vorausliegt.

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