im Widerspiel

Gut ist, als Attribut oder Eigenschaft Gottes, eine primäre Qualität. Wir sind heute geneigt, sie als eine relationale Kategorie zu sehen. Das und das ist unter den und den Bedingungen gut. Wir fassen es als Werturteil, als moralische Setzung. Eine Sache oder Handlung kann im Hinblick auf einen vorgenommenen oder vorgesetzten Zweck gut geheißen werden. Aber als ein Absolutes, als das es in der exzeptionellen Verknüpfung mit Gott als dem Einen von Jesus dargestellt wird, erscheint es bedenklich. „Was nennst du mich gut? Nur Einer ist gut, Gott.“ Markus 10, 17f., Lukas 18, 18f.

In einem Zweifelsfall wie diesem rührt sich Erinnerung an den Baum der Erkenntnis. Erkenntnis des Guten und Bösen heißt er, weil er beides umschließt. Eine unbestimmte Reminiszenz aus menschheitsgeschichtlich frühester Erkenntniserfahrung. Seit damals unzählige Male wiederholt, umgeschrieben, durchgeknetet, aufgegangen wie ein Teig, zeitweise in aller Munde, in aller Welt beklagt, bejammert, berühmt, mal als Einbruch, mal als Ausbruch interpretiert.

Eine nie absterbende Erinnerung, die in diesem Baum hängt. Als wüchse da aus der Tiefe nach, um im Geäst, im Laub immer neue Früchte hervorzubringen. Sie zeigen sich immer wieder anziehend, attraktiv. Sie verlocken, danach zu greifen, davon zu essen, davon helle Augen zu bekommen, an Einsicht, an Tiefblick zuzunehmen. Öffnung der Quellen: durch den Genuss neuer Genuss, durch die Öffnung der beiden Gesichter, inwendig auswendig, unteres und oberes Antlitz.

Baum im Widerspiel, ein bewegender Windhauch, ein Sturm, der zwischen Erkenntnis und Leben hindurchfährt und noch einmal zwischen Böse und Gut, die im zwiefachen Baum ineinander drehen und schaukeln, ein Mobile, ein perpetuierendes Mobile.

Bilder, Phantasmen, die über die Unerkennbarkeit hinwegtäuschen, in der der Erkenntnisbaum ‚in Wirklichkeit‘ steht, eingehüllt in einer Nichtwissens-Wolke. Ein immerfort aus dem Boden aufsteigender Dunst, ein unsteter Lichtschein, ein Rauschen, Flüstern, vielleicht eine Stimme, this sound of silence.

Unerkennbar:
Gut und Böse. Halten sie sich die Waage? Gibt es irgendeine symmetrische oder asymmetrische Korrelation?
Indem sie einander verbergen bringt eins das andere hervor, bringt sich eins durch das andre zum Vorschein?

Erinnern ist ein Geschenk, Vergessen eine ermunternde Gabe. Ignoranz, die sich hinsichtlich Gut und Böse in Unkenntnis hält, erleichtert zum Leben. Ihr Findelkind, ihr Kuckucksei – immer wieder: Erkenntnis.

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