unvollständig

Geschehen geschieht und macht Geschichte. Oder auch nicht.
Es geschieht und dann ist es vorbei. Man wundert sich, wo es geblieben ist.
Es geschieht, wie es regnet oder blitzt. Man lernt die Wolken nicht kennen, aus denen es regnet. Der Blitz, der aus dem Bruchteil eines Augenblicks hervorfährt und aufzuckt, ist längst verschwunden, wenn das Rollen des Donners zum Stillstand kommt.
Es geschieht, wie es hagelt. Der Hagel hagelt nicht, sondern es hagelt aus dem schwarzen Gewölk. Man sieht es den Hagelkörnern nicht an. Sie sind weiß, fast so weiß wie Schnee und kommen aus Wolken, die dunkler als Regenwolken sind.
Schneefall, Hagelfall, auch Laubfall – „der Fall hat es in sich, dieses zeigt oder schlägt er an.“ *
Es lässt sich nicht entziffern, was da angezeigt wird. Es soll hellhörige Leute geben, die das Angeschlagene verstehen, wie es Leute gibt, die einen Riecher haben für das, was in einer Situation, in einer Mode angesagt ist.

Alles, was in dieser Welt passiert, geschieht unvollständig, bleibt Andeutung oder Wink, manchmal nach Auslegung rufend, manchmal nach Ergänzung schreiend. Die meiste Zeit bringen wir in diesem Sinne zu, befasst mit dem Vervollständigen, Ausbauen, Erweitern und Vertiefen von Ereignissen, die in ungenügender Weise sich ereignet haben. Nichts ist menschlicher als solche Ergänzungsarbeit. Das ist Menschenwerk im besten Sinne.

„Denn so vieles eben wird nicht mit sich fertig, wenn es vorfällt …“ ** – es muss weitergedacht, weitergemacht, im angezeigten Sinne fortgeführt werden. Dazu braucht es menschliche Unterstützung, eine Art Geleit. Kein Kamel ist dafür geboren, kein Spür- oder Blindenhund fähig. Auch das Navigationsgerät, das hier einspringen könnte, muss erst noch erfunden und konstruiert werden, nach Menschenplan.

Nicht nur Verrichtungen und Handlungen aller Art, sondern auch Gedanken, Gefühle, Träume sind Zutaten, Ingredienzien im Weltprozess. Das Würzen erfordert Verstand und einen guten Geschmack. Zu wenig macht das Gericht fad, zu viel macht es unschmackhaft, unbekömmlich, ungenießbar.

Es ist eine Kunst, in Anbetracht unserer reichen Triebausstattung nirgends zu überziehen, möglichst auch nicht zu untertreiben, sondern eine Mitte zu finden, die sich außerhalb eines konventionellen Mittelmaßes bewegt (wie es etwa im Goldenen Schnitt festgelegt ist).
Sie muss sich mitbewegen, diese eingenommene Mitte, sie sollte den gut voranbringen, der sie eingenommen hat vor Antritt seines Seiltanzes oder seiner Gratwanderung.

Leicht irrt man ab beim Bestreben, zu ergänzen, was dem eigenen Urteil nach fehlt.
Wie viele Torsi haben da schon das falsche Bein angesetzt bekommen und blieben dann humpelnd auf der Strecke. Andere wurden mit zwei oder noch mehr linken Händen ausgestattet. Köpfe wurden verkehrt herum aufgesetzt oder ganz vergessen in der selbstherrlichen Überzeugung des Machers, ich selbst bin der Kopf.

Man kommt nicht umhin, einen Wink aus Erfahrungsstücken zu ergänzen oder vom Gefühl her, aus einer Eingebung oder Ahnung heraus zu komplettieren. Das kann schief laufen oder in die gute Richtung bringen. Zaudern und zögern sind meist verderblich und ziehen Ängste heran. Ein Mensch, der in einem Sumpfgelände stehen bleibt, lockt umso mehr Stechmücken oder Moskitos herbei, umso länger er zweifelnd und schwitzend verweilt.

Beherzt sei der Mensch, und nicht nur bedacht. Ein herabschaukelndes Blatt kann, aber muss nicht ein Wink seines Geschickes sein, es sei denn, es verknüpft sich in der Wahrnehmung mit einem überzeugenden Einfall, mit dem evidenten Gefühl, das man von Inspirationen her kennt.
Aber von mutwilligen Ergänzungen sehe man ab.
Heinrich Daniel Zschokke, ein Schriftsteller vergangener Zeit, hält in einem abenteuerlichen Reisebericht die Versuchung fest, die einen gerade in prekären Fällen beschleichen kann:
„Ich bin eigentlich gar nicht abergläubisch; aber doch kann ich mich nicht enthalten, dann und wann auf Vorbedeutungen zu halten.“ ***
So weit, so gut. Aber dann: „Wenn keine erscheinen wollen, mache ich mir sie. Ich glaube, man tut dergleichen im Müßiggang des Geistes; es ist ein Spiel, das für den Augenblick unterhaltend sein kann.“ ****
Für den Augenblick unterhaltend, aber auf lange Sicht fatal. Man sollte mit solchen Möglichkeiten nicht spielen. Besser die schlafenden Hunde nicht wecken, die auf der Schwelle zur Unterwelt liegen und aufspringen, sobald jemand mutwillig Fügungen vornimmt. Das heißt, dem Schicksal vormachen wollen.

„Man hofft und fürchtet leicht alles Mögliche“ ****, meint Zschokke an späterer Stelle. So ziehe man das richtige Los und lasse die anderen stecken.

*) Ernst Bloch, Das merke …, in: E. Berthel, Merkprosa, 9
**) ebenda, 9
***) H.D. Zschokke, Die Nacht in Brcwezmcisl, in: Merkprosa, Hg. W. Berthel, 50
****) H.D. Zschokke, Die Nacht in Brcwezmcisl, in: Merkprosa, Hg. W. Berthel, 50

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