Kunst ist zum Verzweifeln

Alberto Giacometti erzählt in einem Gespräch, das Pierre Dumayet mit ihm führte:
A.G.: „Ich werde Ihnen von einem Abenteuer berichten.
1956 hat ein japanischer Freund begonnen, mir Modell zu sitzen. Er ist Philosophieprofessor. Er wollte zu einer dreimonatigen Reise nach Ägypten, Mesopotamien und Indien aufbrechen und hatte noch acht Tage vor sich. Nachdem er seine Reise um acht Tage verschoben hatte, sagte er: ‚Ich pfeife auf Ägypten, ich pfeife auf Indien.‘ Und er ist hiergeblieben, um Modell zu sitzen, bis seine Vorlesungen wieder anfingen. Wir haben den ganzen Tag gearbeitet. Und abends habe ich ihn gemalt. Und je besser es lief, desto mehr verschwand er.
Am Tag seiner Abreise habe ich zu ihm gesagt: ‚Wenn ich noch einen Strich mache, verschwindet das Bild völlig.‘ Ich dachte bei mir: ‚Es hat keinen Sinn mehr; wenn ich ihn so malen will, wie ich ihn sehe, dann bleibt von dem Ganzen nichts mehr übrig.‘ Allerdings habe ich mich auch gefragt: ‚Was soll ich dann im Leben noch tun?‘
Das Malen und die Bildhauerei aufzugeben schien mir eine so traurige Aussicht, dass ich nicht einmal mehr Lust hatte, aufzustehen oder zu essen. Also habe ich wieder angefangen zu arbeiten.
P.D.: Mit welcher Hoffnung?
A.G.: Nicht mehr, um die Sicht zu verwirklichen, die ich von den Dingen habe, sondern um zu verstehen, warum es nicht klappt. Die Vorstellung, ein Bild so zu malen oder eine Skulptur so zu machen, wie ich die Dinge sehe, kommt mir gar nicht mehr in den Sinn.
Was ich will, ist verstehen, warum es nicht klappt. (Fast verzweifelt:) Ich sehe Sie aber doch tatsächlich, oder? Warum ist es dann unmöglich, diese Erscheinung wiederzugeben? Das ist es, was ich wissen will. So wird aus dem Scheitern gleichzeitig etwas Positives.“ Alberto Giacometti, Werke und Schriften,1998, 297f.

Das ständig sich wiederholende Scheitern ist nicht alles. Doch das daraus hervorgehende, dieses Scheitern gleichsam voraussetzende Gelingen ist unbeschreiblich. Im „Abenteuer“, das Giacometti schildert, im Abenteuer ‚Kunst‘ tilgen Scheitern und Glücken einander nicht aus. Im Gegenteil: nirgendwo haben sie neben- und miteinander in derselben erstaunlichen Weise Koexistenz und Bestand wie im Kunstwerk.
Dieser spannungsreichen Verknüpfung verdanken sich die davon fürs Publikum ausgehenden ermunternden Antriebe und Impulse. Sie sind – um ein altes Wort zu gebrauchen – so ‚erquickend‘, weil Leben selbst im Prinzip in einer vergleichbaren Kunst existiert. Man kann es so sehen, kann es so gewahr werden.

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