Pathos der Gewissheit

Vermisstenmeldung, der wohl bald eine offizielle Verlusterklärung folgen wird.
Wir bedauern insbesondere den Verlust des mit den Gewissheiten einhergehenden Selbstgefühls und werden den starken Zug der Leidenschaft, die im Behaupten zum Zuge kommt, nicht so schnell durch ein anderes Bewusstsein, durch ähnliche Gefühle ersetzen können. Zunächst wollen wir das auch nicht, sondern geben uns ganz der Trauer hin um die Verdienste, die sich die verlorene und stark vermisste Gewissheit um uns erworben hat. Wo stünden wir heute ohne sie? Hätten wir jemals die unzähligen Gipfel von Glaube und Wissenschaft ohne sie erreicht, ohne die helfende Hand, die sie uns herabreichte, ohne die Stützen, die sie uns von unten gab? Und wir selbst, unser Streben nach Klarblick und Eindeutigkeit, hat es uns nicht immer wieder beflügelt?

Heute müssen wir über Schotterfelder aufsteigen. Die Landschaften sind karger und unwirtlicher geworden. Hat sich nicht auch Wetter und Klima seither verändert? Oder umgekehrt: sind diese aufziehenden Nebel und Eintrübungen des Himmels nicht Folgen einer Verunsicherung, die alles ergriffen hat, ausgehend von einer zunächst belanglos erscheinenden Einbuße an Kühnheit, an Mut, die in uns selber begann? Unmut – ein passendes Wort. Die Himmelsrichtungen runzeln die Stirnen. Der Wind läuft uns klagend entgegen, schleudert und spritzt unmutig Tropfen dicke, eiskalte Tropfen in unser Gesicht. Früher soll er gesungen haben, erzählt man. Ja, Sehnsucht erfüllt uns beim Erzählen der Geschichten von gestern – die wir übrigens ganz neu erfinden müssen, im Original sind sie uns alle entglitten. Wie sie, so hat vieles im Hinblick auf uns seine Meinung geändert, hat sich abgewendet, verweigert, versagt. Wäre uns nicht eine Art Trotz geblieben, wir müssten buchstäblich verzweifeln, am meisten an uns selbst. Wie mager und dürftig ist unser Erscheinen in diesen haltlosen Weltstrichen ohne Komma und Punkt.
Man könnte uns für bloße Schatten halten, das Armutszeugnis unsres Verlustes auf die Stirn geklemmt. Gewiss, wir sagen immer noch gewiss, gewiss, aber das sind bloße Hülsen, die schon der leise Anhauch einer anderen Meinung wegbläst.
In all diesen kümmerlichen Umständen unseres Daseins sind allerdings auch Silberstreifen zu sehen, kein Lametta, das vom Himmel fällt, auch nicht Anzeichen einer einsetzenden Augenkrankheit. Wie eine Bürde fällt uns die Pflicht von den Schultern, andere belehren zu müssen, weisen zu müssen, wo es langgeht. Was war das für ein mühsames und ungerechtes Geschäft, Tadel und Lob zu verteilen!
Was für ein Unfug, aus dem Moment der Bestimmtheit, das man aus einer für exemplarisch erklärten Erfahrung gewonnen hatte, Regeln zu ziehen, Lehren zusammen zu basteln. All dies Extrahieren, Abstrahieren, Konstruieren, Kondensieren von Hauchdingen und Scheinphänomenen. Es gibt im Funeralbereich eine Parallele dazu, im Zusammenpressen der Asche verstorbener Angehöriger zu Graphit oder Rohdiamanten.

Der Verlust der Gewissheit ist nicht leicht gefallen. Das lässt sich so sagen, weil dahinter wohl auch die unbewusste Entscheidung für ein Leben ohne zu finden ist, für ein ungewisses Leben, der Entschluss, das Leben sich selbst zu überlassen und nicht immer wieder, gewollt oder ungewollt, an Gewissheiten abtreten zu müssen. Irgendwann ist man das leid, diesen Zwang und Drang zu Behauptung und Beharrung. Schließlich hat sich eine bis dato unbekannte Sehnsucht durchgesetzt, das Verlangen nach freier Aussicht, nach offenen Ausblicken ins Reich der vielfältigen Möglichkeiten.
Als hätte man zudem entdeckt, dass der Griff nach Gewissheiten einer ängstlichen Haltsuche entsprungen war. Seitdem erproben einige unter uns den freien Stand in der fahrenden Straßenbahn, zwischen den Bänken und Sitzen im freien Stand, bei Bremsmanövern im Bus, ohne nach den von der Decke herabbaumelnden Griffen zu greifen. Das übt und gibt in diesem Praxisfeld eine Sicherheit, die sich auf andere Erfahrungsebenen ausweiten oder übertragen lässt. Der elastische Stand, das Geschick, sich den Fliehkräften von Kurve zu Kurve anzuschmiegen.
Es soll Menschen geben, die ihr ganzes Leben beidbeinig auf sicherem Fleck verharren, weil sie den riskanten Augenblick scheuen, der eintritt, sobald sich der eine Fuß zum Schritt hebt und die Wahrung des Gleichgewichts einem einzigen Bein, dem Standbein, überantwortet ist. Es gibt nämlich ein Vertrauen, das lebenslänglich von Gewissheit ausgeschlossen wird (wie es auch eines gibt, das allein mit Gewissheit einhergeht): es ist das Vertrauen in eine Sinndimension, in der alle Gewissheiten überflüssig, hinfällig oder hinderlich sind und die jetzt schon in alles hineingreift, was ist und womöglich noch sein wird.

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