Schweigen

„Versuchen Sie mit mir zu schweigen,“ fordert Musils Diotima heraus, „es gibt Wesen, mit denen zu schweigen sich der größte Held nicht getrauen würde.“ *
Es sind nicht die, mit denen zu reden man sich nicht trauen würde.
Es sind ganz andere, die ganz anderen Anderen.
Vielleicht weil deren Schweigen die heimlich-unheimlichen Wesen wecken könnte, die in einem selbst schlafen. Tiefschlafwesen, deren Schlaf oder tiefe Betäubung durch das gleichsam von außen kommende, so ungeheuer befremdende Schweigen plötzlich abgebrochen werden könnte.
Finstere Kontrahenten, Gegenspieler zu Froschkönig oder Dornröschen, wo der Kuss erlöst:
„Der Kuß des Schweigens im Unglück – denn sonderlich im Unglück küßt uns das Schweigen.“*

Vergrabene Erinnerung an solch ein Unglücks-Trauma. Unser Reden hindert diese Erinnerung.
Im Schweigen eilt es zum Kuss aus der ‚eigenen‘ Tiefe herbei.
Tragischer Held – „da war’s um ihn geschehn …“.

*) Robert Musil, Prosa, Dramen, Späte Briefe, 681

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