Goethes Ehrfurchtsbegriff

Um das Verständnis und die Vertiefung des Begriffs Ehrfurcht hat Goethe sich außerordentlich verdient gemacht. Im „Wilhelm Meister“, zu Beginn des zweiten Buches, handelt er davon.
Er stellt Ehrfurcht dar als zentrale kulturelle Errungenschaft: „Der Natur ist Furcht wohl gemäß, Ehrfurcht aber nicht; man fürchtet ein bekanntes, oder unbekanntes mächtiges Wesen, der Starke sucht es zu bekämpfen, der Schwache zu vermeiden, beide wünschen es los zu werden und fühlen sich glücklich, wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre Natur sich zur Freiheit und Unabhängigkeit einigermaßen wieder herstellte. Der natürliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von der Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fürchten ist leicht, aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem. Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muss, und der sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige, für Götter gehalten. Hier liegt die Würde, hier das Geschäft aller echten Religionen.
(…) Keine Religion … die sich auf Furcht gründet, wird unter uns geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich walten lässt, kann er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit sich selbst veruneint wie in jenem Falle.“ *

Neu – sofern nicht, wie vermutet wird, aus pythagoreischer Tradition übernommen ** – ist die Annahme von drei Formen der Ehrfurcht. Eine bezieht sich auf das, was über uns ist, die andere auf das, was uns gleichrangig erscheint, die dritte schließlich auf alles, was unter uns ist, also das Niedrige, Unterlegene, im zivilisatorischen Prozess Unterworfene, Erniedrigte und Beleidigte. Goethe schreibt es der christlichen Religion zu, sozusagen in aller Demut diesen Sinn für das Gedemütigte und Niedergetretene entwickelt zu haben.
Die Ehrfurcht zum Unterlegenen, Unterworfenen und vielfach auch Weggeworfenen ist unverzichtbar. Denn alle drei „Ehrfurchten“ zusammen „bringen eigentlich die wahre Religion hervor; aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich abermals aus dieser, so dass der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen fähig ist, dass er sich selbst für das Beste halten darf was Gott und Natur hervorgebracht haben, ja, dass er auf dieser Höhe verweilen kann, ohne durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden.“

Goethes neues und unbefangenes, fast möchte man sagen freisinniges Verständnis der Ehrfurcht ist erstaunlich. Man muss bedenken, dass die Vokabel ‚Ehrfurcht‘ in seiner Zeit zu einer leeren Grußformel verkommen war. Wie wir heute Briefe zum Briefabschluss schreiben „mit vielen Grüßen“, „mit einem freundlichen Gruß“ u.ä., so rangiert in Goethes Zeit die Formel „in tiefster Ehrfurcht“ an erster, bzw. im Brief an letzter Stelle. In Goethes Briefen findet sich dann auch die Steigerung „in unbegränzter Ehrfurcht“. Umso erstaunlicher, dass es dem „Dichterfürsten“ gelang, den tiefen und eigentlichen Sinn aus der Verschalung freigelegt, ja entdeckt und ausgelegt zu haben.

Ehrfurcht ist eine entscheidende menschliche Qualität, die beim Künstler in praxi durchgesetzt und zur Geltung gebracht wird. Vom Künstler wird gefordert, dass er nicht nur dem hoch Erhabenen Reverenz erweist, sondern auch dem Niedrigen Aufmerksamkeit und Zuwendung schenkt:
„ … wie wird sich unsere Achtung in Ehrerbietung und Anbetung verwandeln, und doch immer nur alsdann, wenn er (der Künstler), wie seine Mitmeister niederer Klasse das Dasein des Höchsten, wie jene des Niedrigsten, gleich lebhaft begeistert gefühlt hat und leuchtend hinstellt.“ ***
Im Falle des Künstlers erweist sich Ehrfurcht wiederum nicht nur als Einstellung, als mit Bewusstsein eingenommene Haltung, sondern als Gefühl. Das Dasein der unbedeutenden, der verschwindend nichtigen Wesen, Dinge, Erscheinungen muss verspürt, muss lebhaft begeistert gefühlt werden. Nur so kann es dann auch im künstlerischen Medium leuchtend (oder tönend, berührend und bewegend) zur Darstellung kommen.

*) J.W. Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 2. Buch, 1. Kapitel (dtv Gesamtausgabe 17, 142f.)

**) vgl. dazu J. Hoffmeister, Wörterbuch der philosopphischen Begriffe, s.v. „Ehrfurcht“

***)Goethe; Briefe, Tagebücher, Gespräche 2118, Goethe WA IV, Bd. 5, 140 (CD)

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