Künstlerphilosophen

In seinen Tagebüchern bekennt sich Musil zu einer wiederkehrend kritischen, sehr irritierenden Erfahrung. *
Er erlebt sich hin und her gerissen zwischen zwei Selbstkonzepten, dem des Künstlers und dem des Philosophen. Ein Grundwiderstreit, den weder die künstlerische Produktivität noch die philosophische – ja, wie soll man sagen – Leistung zu beheben vermag. „Ich muss gestehen, dass ich – trotzdem ich glaube, ein Künstler zu sein – nicht weiß, was das ist.“
Glaubenssache?
Eine Ungewissheit, aus der weder eine philosophische Haltung, noch weniger philosophische Untersuchungen heraushelfen können.
Es hat nämlich den Anschein, dass die philosophische Existenz durch die künstlerische erweitert und bereichert, gleichzeitig aber auch immer wieder in ihren Grundfesten erschüttert wird. Nun – unerschütterliche Fundamente sollte sie auch gar nicht haben, eine bewegliche, auf Fragen und Phänomene eingehende Philosophie. Ihr kommen die künstlerischen Erfahrungen zunutze, aber sie bestreitet sie auch immer wieder. Und umgekehrt?
„Das Philosophische irritiert mich. Ich leide unter dieser Vermengung. Leide tatsächlich. Mein Begriff von Philosophie ist anspruchsvoller geworden; er reißt das an sich, was ich bisher als das Wesentliche am Künstler ansah.“
Es könnte aber sein, dass für beide Existenzformen gemeinsame Antworten gefunden, zufriedenstellende Ansprüche gefunden und durchgesetzt werden können. Da haben wir beispielsweise das Schlüsselwort „sublim“, eine Kategorie, auf die hin sowohl philosophische wie künstlerische Tätigkeit sich beziehen kann. Das Sublime – ein weites Feld, eine Landschaft mit unzähligen Möglichkeiten, etwas vorzufinden oder zu entwickeln, Nuancen, Klüfte, Stege, Stiegen, Schattierungen. Zwischen oberer und unterer Tiefe genügend Raum für offene Ateliers und gut durchlüftete Denkstuben.

*) Robert Musil, Aus den Tagebüchern, 32

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