Gefühlsevidenz

„Man sagt, die Gefühle seien das einzig Evidente in uns. Zum Teil ist das richtig, nämlich das Fühlen ist evident. Dass ich etwas ‚fühle‘, wenn ich z.B. eifersüchtig bin, ist evident, dass ich aber Eifersucht fühle ist gar nicht evident. Das ruht auf Vorstellungen und ist mit allen Unsicherheiten … behaftet.
Jedes solche Gefühl weist auf einen, einzigen Punkt in mir, dem ich aber nie näherkomme, und im übrigen auf ein Schweben ober dem leeren Raum.“ *
Wahrscheinlich ist Uneindeutigkeit ein Gefühlscharakteristikum. Das heißt, Gefühle lassen sich nicht definitiv herausspüren und definieren als dieses oder jenes Gefühl.
Hinzu kommt, dass sie nie einzeln und als gesonderte auftreten, sondern immer gemischt, in den sonderbarsten Gemengelagen.
Gefühle werden, sobald sie aufkommen, vorgängigen Vorstellungen zugewiesen. In Musils Beispiel ist es Eifersucht. Es hat dann den Anschein, als habe in einer Beziehung das Auftreten eines Rivalen Eifersucht ausgelöst. Eifersucht ist ein Titel, der ganz unterschiedliche Gefühlsbündel bezeichnen kann: Tötungswünsche, Verlustängste, beunruhigte Selbstwertgefühle und anderes mehr kann unter dem Sammelnamen Eifersucht befasst sein.
Für diese zusammenkommenden und miteinander streitenden, einander widerstreitenden Gefühle ist „Eifersucht“ unzureichend. ‚Eifersucht‘ gibt keinen hinreichenden Bezugspunkt ab. Der Begriff und die Vorstellung fingiert den einen und einzigen Punkt, von dem Musil spricht. Sie täuscht einen Sammel- oder Brennpunkt vor, den es im Fluten der Gefühle gar nicht geben kann. Leib und Seele, das Gemüt, wenn man so will, geben ein Sammelbecken für Gefühle ab, einen leerenden und sich immer wieder füllenden Raum, in dem sich dieses unbestimmte ‚Schweben‘ vollzieht.

*) Robert Musil, Aus den Tagebüchern, 20

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