Antlitz

‚Gott schuf den Menschen sich zum Antlitz‘.
In diesem Antlitz wird Gott seiner selbst gewahr.
Das meint die dreifach variierte Formel, die sich bei der Erschaffung des Menschenwesens findet : „sich zum Bilde schuf er sie“.
Adam b’zalemenu, in unserem Ebenbild, Gen. 1, 26
et- ha’Adam b’zalemu, in seinem Ebenbild, Gen. 1, 27
b’zelem Elohim, in Elohim(s) Ebenbild, Gen. 1, 27

Doch der Ausdruck zelem, der hier provisorisch mit „Ebenbild“ wiedergegeben isst, bedarf einer genaueren Untersuchung.
In ‚zelem‘ steckt ‚zel‘, ‚Schatten‘. Die Wortwurzel führt zur Bedeutung ‚dunkel‘.

Als Grundthema ergibt sich aus diesen Andeutungen eine Art reziprokes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gott und Mensch(heit).
Eine Gestalt führt einen Schatten mit sich, ein Licht bedarf zu seiner Konturierung, ja zu seinem Sichtbarwerden der Dunkelheit, dem Gesicht begegnet im Spiegel eine Erwiderung.
Erwiderung als Ant-Wort, als Ant-litz, als Entgegenblick(en).

Lévinas verweist immer wieder auf den Offenbarungscharakter des Angesichts, als dem eigentlichen Schauplatz immanenter Transzendenz.
Hätte Gott nicht jeden einzelnen Menschen zum Antlitz hin erschaffen und bestimmt, wir könnten einander nicht als Gegenüber haben.
Ein Ineinander von Korrespondenz und Antithese. Entsprechung von Gott und Mensch(heit), die von Anfang an auch das Widerspruchsmoment, die Tendenz zum Kontrast enthält.

Dem Antlitz ‚zelem‘ geht eine pluralistische Gottheit voraus. Da ist ‚Elohim‘ zugrundegelegt, Gen. 1,27.
In Gen. 1, 26, in unserem zelem, bleibt offen, ob sich das ‚wir‘ allein auf Elohim bezieht, oder ob Adam da schon hineingenommen ist.
‚Zelem‘ wäre auch vorstellbar als eine „dritte Sache“, die zwischen Menschheit und Gottheit Gestalt annimmt, zur Erscheinung kommt.

Und die andere Nennung: in seinem zelem kann sich auf den ‚zelem‘ Gottes beziehen – Gott in Einzahl, als JHWH -, kann aber auch bedeuten: Gott schuf den Menschen in seinem je eigenen Antlitz, besser mit seinem je eigenen Antlitz (das präpositionale b‘ ist im Deutschen durch ‚in‘ oder ‚mit‘ wiederzugeben).

Man wird verstehen, dass die Würde des ‚zelem‘, die im Schöpfungsakt vorgestellt wird, leidenschaftlich zu verteidigen ist gegen alle Imitate, Verfälschungen und Nachahmungen, die in Abgötterei und Götzendienst angefertigt und in Verkehr gebracht worden sind. So ist das mosaische Bilderverbot ist als Abwehr aller Tendenzen zu verstehen, die Antlitzbeziehung zwischen Gottheit und Menschheit einerseits, zwischen Mensch und Mensch andrerseits zu verstellen, zu korrumpieren, zu verdunkeln durch verfälschende Substitute und Ersatz- oder Prothesenbildungen.

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