die älteste Bekannte

„Niemand“, sagt sie, „kennt mich so gut wie die Sonne.
Sie sieht mich täglich seit meiner Geburt, schickt auch durch Nebel und Wolken ihr Licht.
Mehr noch: sie sieht mich von einer Geburt zur anderen, von einer Existenz zur anderen wieder.
So seh‘ ich mich nicht, so kann ich mich nicht sehen.
Ich sehe sie auch, wenngleich mit Unterbrechung dazwischen, aus einem gleichsam unterbrochenen Ich.
Doch für sie fügt sich das alles zusammen, von Eva bis heute.
Oder sollte es im Leben der Sonne ebenfalls Unterbrechungen geben, Diskontinuitäten, die sich dem bloßen Auge und unserer Kenntnis entziehen?

Die Vorstellung, dass sie sich von Augenblick zu Augenblick wandeln sollte, dass es in ihr keine Erinnerung gibt, die über all die Jahrtausende reicht, ist mir unglaublich und beinahe schmerzlich, als wäre es ein Verlust, den ich am eigenen Leibe, in eigener Seele erleide.“

So weit, so gut – ich, ein Mann, ein Außenstehender sage ich: sie hat recht, niemand und nichts kennt ihre Vorleben und ihre Nachleben besser als die Sonne. Luft weht vorbei und unterliegt unzähligen Verwandlungen, in denen keine Erinnerung haftet. Wasser und Erde, für alle Materie gilt gleiches. Und Raum? Raum ist ein Un-Ding, im Denken erdacht.

Allein die Sonne ist ganz Auge, ganz Licht und ganz Klang. Eine Schwingung, die sich als subelementare Bewegung durch alles hindurchzieht. Durch alles im All, sei es im Werden oder Vergehen begriffen, noch ungeboren oder längst schon in Nichts aufgelöst. Selbst im Nichts strahlt sie, die Sonne, als zentrales Organ.

Sie hat Recht, wenn sie fortfährt und sagt:
„Die Sonne kennt mich am besten – wir haben uns schon in der ägyptischen Frühzeit gekannt.
Ja, wir haben uns schon vorher kennengelernt, sind einander begegnet an einem inzwischen verlorenen Ort, nämlich genau an der Stelle, an der Jahwe dann den Baum einsetzen sollte, den Baum der Erkenntnis und des Lebens.“

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