ein leibhaftes Wunder

Die Stimme ist eingefleischt. Der Leib hängt an ihr, wie eine Gondel am Seil. Selbst dort, wo das Sprechen durch Unfall oder Krankheit verloren geht, bleibt die Stimme eingeprägt.

Ihrer Herkunft aus der Leibestiefe und der Geltung, die ihr schon in der vorgeburtlichen Existenz zukommt, verdankt die Stimme den hohen Rang, den sie im spirituellen Leben errungen hat. Die innere Stimme, in der die Stimme Gottes durchklingt, durchschwingt und erschüttert – ein Quell- und Resonanzphänomen.

Ein kleines Wunder in jedem Menschen.
Nun, so klein wiederum auch nicht, wenn sie z.B. darauf aus ist, sich Gehör zu verschaffen. Dann geht sie durch geschlossene Türe und Wände. Säuglingsstimme, plärrend oder kreischend erhält sie sich unter wechselnden Gestalten, in Einkleidungen, die sie zwar dämpfen, aber nicht wirklich zu knebeln vermögen.
Wenn sie ganz still ist, scheint es nicht zu existieren, dieses kleine Wunder in uns.
Aber das täuscht. Jede Stimme hat ihr tausendfältiges Echo in uns. Eine jede Person ist der Resonanzboden ihrer Stimme, ihrer Stimmen, genauer gesagt. Denn sie ist ja vielfältig in ihrem Ertönen und in ihrem Widerhall, der Gefühle ausmacht und Gedanken davonträgt.

Der Stimmen wegen heißen Personen Personen. Die Stimme klingt durch sie hindurch, per-sonans.
Das ist mit keinem Schalltunnel zu vergleichen, mit keiner Glocke, mit keinem Sprach- oder Hörrohr. Die Alten, sagt man, hätten bei persona an die Maske gedacht, die im Theater ein Schauspieler aufsetzt. Sie verbirgt das Gesicht, den Mund und die Lippen, die Quelle der Stimme, besser: den Ort, wo sie hervorgeht. Die Maske erbebt im Schall der Stimme und macht sie dumpf oder hohl klingend. Die Maske ist in der Antike ein Typos, ein Charakter, dessen individuelle Züge sich hinter der Maske verbergen. Es sind nur die Gesten zu sehen und die großen Gefühle wie Schmerz, Trauer, Staunen oder Erschrecken. Die Maske verleiht der Stimme eine mustergültige Erscheinung dadurch, dass sie diese durchlässt und zugleich seltsam zurückhält. Im Durchklang der Stimme vibriert und erzittert die Maske. Sie schwingt mit, während sich die Stimme durch die Mundöffnung schwingt und draußen im Auditorium, im Publikum dort die Emotionen und Leidenschaften sucht, das Pathos, das sie im Innern des Maskenträgers hervorgebracht hat.

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