Emmaus

„Nicht der Sinn eines Verses ergreift uns, sondern etwas anderes, die Begleitung, die er in unserem Innern anklingen lässt.“ *
Die rabbinische Wissenschaft von der Auslegung eines Textes unterscheidet Sinnschichten, die je nach Lesart und Situation offen liegen oder verdeckt sind. Der offenbare Sinn ist nicht immer der buchstäbliche Sinn, nicht immer der wörtlichen Kundgabe entsprechend. Jede gegeben Auskunft kann, abhängig von irgendwelchen Hörgewohnheiten, überhört oder umgebogen werden.
Eine Erzählung, ein Ausspruch hat viele Stimmen. Einige dieser Stimmen gehen unter, gehen an den Hörenden ungehört vorüber. Andere treffen erst in der Tiefe der Hörerschaft auf Trommelfelle.
Es braucht manchmal Zeit, bis sie drinnen angekommen sind. Die Wege dort hin sind umwegig, vielleicht in Spiralen gewunden wie die Schnecke im Ohr.
An dieser Stelle ist nicht nur vom Bewusstsein, vom Verstand zu reden als zuständiger Instanz fürs Verstehen. Es muss, in altertümlich klingender Weise, auch vom Herzen geredet werden. „Brannten nicht unsere Herzen in uns?“ fragen sich die Jünger in Emmaus. Ihr gekreuzigter Rabbi ist ihnen unterwegs erschienen, als sie einander befragten über den Sinn all dieser rezenten Vorfälle. ‚Er‘ tritt unter sie und öffnete ihnen die Schrift zum Verständnis der Wirklichkeit, in die sie diese ganze Geschichte geworfen hat. Ihn selbst erkennen sie nicht. Er kommt von ‚jenseits ihrer selbst‘. Sie erkennen ihn erst in dem Augenblick, als er (wieder) verschwindet. In seinem Wegtauchen, im Zusammenschlagen des Raums über dem Ort, an dem er gerade noch gestanden hat, in dem er sichtbar und unsichtbar geworden ist, erfahren sie die Evidenz seiner Gegenwart: er ist! er ist mitten unter, mitten in uns gewesen. Ist es immer noch in der bleibenden Herzenswärme, in einem langen Nachleuchten des Feuers, das sein Atem in ihnen angefacht hat.
„Nicht der Sinn eines Verses ergreift uns, sondern etwas anderes, die Begleitung, die er in unserem Innern anklingen lässt.“
Im vorliegenden Fall verweist die ‚Begleitung‘ auf den Auferstandenen. Der Sinn der herangeführten Stellen aus den Schriften kehrt in die Verborgenheit zurück, aus den die Schriftbefragung ihn herausgeholt hat. Aber wesentlich ist die im Innern ausgelöste Resonanz, eine sich immer wieder erneuernde Erweckung und Auferstehung. Vielleicht erfolgt sie aus einer ständig gegenwärtigen Zwischenwelt zwischen Himmel und Erde, nach dem Abstieg zu den Toten und vor der Auffahrt ins ‚Ewige Leben‘.

*) Jean Wahl n. E. Lévinas, Außer sich, 154f.

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