Multiplizität

Zu den bemerkenswerten Einsichten neuerer Persönlichkeitsforschung gehört das Phänomen der multiplen Person: das Ich ist ein Deckmantel für mehrere, für viele. Ein Individuum ist eine Übereinkunft unterschiedlicher Teilpersonen, die in einer Hauptperson, die das öffentliche Sagen hat, gebündelt sind. Jedem Ich geht ein Wir voraus. Wie in der Religion macht nicht die Monas ( = Ein-heit) den Anfang, sondern die göttliche Vielheit, die Elohim. Mit Jahwe beginnt ein neues Kapitel. Der Monotheismus setzt den Polytheismus voraus.
Den Grund für die multiple Person finden wir bereits in der Erschaffung Adams gelegt. Adam wird aus Staub gebildet, welcher der Erde entnommen ist. Jüdische Exegese fügt erläuternd hinzu, dieser Staub stamme nicht von einem bestimmten Ort, sondern der Schöpfer in seiner Weisheit habe ihn genommen aus sämtlichen Ecken und Enden der Erde, sprich der Materie.

Wo mehrere und zudem unterschiedliche Personen zusammen sind, kann es gute Gespräche geben, aber auch Streit. Denken ist niemals monologisch, auch wenn das Klischee vom einsamen Philosophen im Kämmerlein das vorzugeben scheint. Denken ist inneres Argumentieren, ein Gedankenspiel, eine Auseinandersetzung zwischen Eingebungen und Einwänden.

Vor ziemlich genau 120 Jahren wurde in Ungarn der jüdische Psychiater Leopold Szondi geboren. Er hinterließ folgende Notiz: „Die größte Entdeckung ist, zu erkennen, dass man nicht nur ein Schicksal hat, sondern mehrere. Und dass man immer wieder neu wählen kann. Nur dürfen wir nicht gegen das wählen, was in uns angelegt ist.“
Es sind also bei jeder Entscheidung die inwendigen Möglichkeiten oder Potentiale zu befragen, die in der Hut des Ich versammelten Persönlichkeitsanteile. Sie sind die Träger oder Mitakteure von Schicksal, und zwar von erfahrenem wie auch von noch ausstehendem Geschick.

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