Zufall

Für das Phänomen Zufall gibt es viele Worte und Namen. Anders gesagt: dieser Begriff umfasst und birgt, verbirgt so vielfältige Erscheinungen wie – sagen wir einmal der Begriff Liebe.
Dem Phänomen ist kaum beizukommen. Schwierig, dem auf die Spur zu kommen, zu fassen, was es damit eigentlich auf sich hat.
Andere Bezeichnungen, auch in anderen Sprachen, heben ebenfalls die Fallbewegung hervor: accident, auch chance, von casus abgeleitet, womit es vielleicht ans Fallen der Würfel erinnern möchte.
Andrerseits verweisen diese alternativen Benennungen immer auch auf einen Sonderfall, nämlich den Unfall. Dieser ist keineswegs Gegenstand des berühmten Diktums, die Welt sei alles was der Fall ist. Aber der Unfall ist auch nicht das Gegenteil davon. Die Welt ist möglicherweise zufällig entstanden, zufällig zur Welt gekommen. Aber ist sie deswegen schon ein Unfall? Eher könnte man das Nichts für einen Un-Fall halten.

Die Bezeichnungen für Zufall spielen auf eine blinde Willkür an, auf ein eigenmächtiges Geschehen, das diejenigen, denen es im Guten oder Argen widerfährt, passiviert, zu Opfern macht. Sie können nichts für das, was ihnen da passiert. Sie haben es sich nicht ausgewählt, nicht eingeplant, nicht verschuldet – dennoch begegnet es ihnen, fast überfallartig.
Eine gewisse Ausnahme von dieser Einschätzung, in der das Erleiden eines unabwendbaren Impulses, einer ebenso unvermeidlichen wie ungerufenen Begebenheit stattfindet, findet sich merkwürdigerweise im antiken griechischen Denken. Dort hätte man kaum erwartet, im Wort für Zufall, tyche, das Moment des Erlangens anzutreffen. Tyche ist keine Einschränkung, sondern eine Erweiterung des persönlichen Raums, des Kreises, dem eine jede Person eingeschrieben ist. Das, was da – im günstigen Fall – ‚zufällig‘ erlangt wird, hat ebenfalls eine ganz spezifische Konnotation: kairós heißt das Geschenk, das in Zufallsgestalt daherkommt. Es bezeichnet den günstigen Augenblick, in dem sich etwas für die Person einlöst . Oder das passende Moment, das dann beim Schopfe zu ergreifen ist. Man denkt an einen Apfel, der nicht von selbst vom Baum fällt. Eine ausgestreckte Hand pflückt ihn oder bringt ihn durch bloße Berührung zum Herunterfallen.
Kairos, einmal geschehen, einmal ereignet, ist dann nicht mehr Zufall, sondern wächst sich zu einer biographisch, lebens- oder sogar weltgeschichtlich tragenden, zu einer weiterführenden Größe aus.

Wenn Montaigne auf die Affinität von chance und Inspiration aufmerksam macht (Essays I, 24, 34), mag er in dieselbe Richtung gedacht haben: es gibt so etwas wie ein Mitwirken der Menschen an ihren „Zufällen“, eine allerdings unwillkürliche und rätselhaft bleibende Mittäterschaft. Zufälle werden nicht nur erlitten.

Plötzliche Eingebungen im kognitiven Bereich werden als Gedankenblitze bezeichnet. Das ist eine bildliche, eine bloß metaphorische Darstellung. Sie verhilft jedoch, beim Wort genommen, zu einer Annäherung an das Phänomens. Meteorologische Forschung hat jüngst herausgefunden, dass Blitzen, die aus Gewitterwolken herabfahren, in ihrem merkwürdigen Zickzackkurs schließlich auf diejenigen Stellen der Erde zusteuern, aus denen ihnen ein dort entstandener Gegenblitz entgegenkommt. Diese von unten nach oben verlaufenden elektrischen Ströme gehen, wie wir alle wissen, mit Vorliebe von exponierten Punkten aus, Turmspitzen, Baumwipfel, Schornsteine mit Blitzableitern usw. Sie heißen Fangblitze.
Blitze schlagen also keineswegs den kürzesten Weg zu ihrem Gegenspannungspol ein. Zum anderen muss der Ort, in den sie einschlagen, stärker geladen sein als seine Umgebung. Es ist diese Ladung oder Gegenladung, aus der ihnen gleichsam der Funke entgegenschlägt, der sie dann einfängt.

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