Gegenwart

Jede Zeit nimmt sich wichtig. Das ist ihr Recht. Sie nimmt sich wichtiger als alle Zeiten vorher und nachher. Dieses Wichtignehmen und Wichtigtun nennt man „Gegenwart“. Das Recht der Zeit auf dieses Ansehen, das in der „Gegenwart“ liegt, ist ungemein flüchtig. Wie ein Schiff, wie die alten Weberschiffchen streift die Gegenwart durch die Zeitströme und schaut nicht links und rechts, ob etwas zu finden sei. Sie ist einfach da, ohne zu suchen, ohne zu finden.
Es könnte sein, meint Canetti, „dass jede Zeit die wichtigste ist und jede alles enthält“.
Gibt es Grade der Wichtigkeit? Lässt sich Gegenwart abstufen, ablaufen wie eine Treppe, durchlaufen wie ein Korridor oder wie ein Tunnel, der durch den Zeitenberg führt, durch jenes wunderbare Gebirge, das nach und nach kleiner und kleiner wird, dessen Steinmassen schmelzen, weil ein kleiner Vogel angeflogen kommt und seinen Schnabel am Gipfel wetzt? Ein unsterblicher, ein zeitfreier Vogel, der sogleich wieder davonfliegt. Ein Ausgesandter der Ewigkeit, die im Universum viele solcher Gebirge aufgehäuft hat, die der kleine Vogel alle aufsuchen und abwetzen muss.

Es wäre auch möglich, dass Gegenwart so gewichtig ist, weil sie mehr als alle Zeiträume und -ströme alles enthält. Und nicht nur das. Keimartig ist ihr auch die Ewigkeit eingebettet, der sie – nach unserem kurzsichtigen Dafürhalten – unentwegt zustrebt, ohne dieses unvorstellbare Ziel je zu erlangen. Dabei ist ihr selbst nichts anderes so innig und nah. Man möchte ihr im Vorbeifliegen zurufen, ‚geh in dich, dann bist du da!‘ Aber niemand bringt dieses Rufen so zustande, dass es gehört würde. Und wahrscheinlich ist das auch gut so, ja, so ist es definitiv besser.

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