Blicke 2

Es könnte sein, dass die Welt dadurch im Gleichgewicht gehalten wird, dass die Zahl der guten Blicke die der bösen aufwiegt. Diese Balance ist, wie wir immer wieder spüren, höchst zerbrechlich und unstet. In der Brandung der Blicke wird man selbst durcheinandergeworfen, ohne je zu erfahren, welche Art von einem gerade ausgegangen ist. Du wirfst dein Auge auf dieses und jenes, du wirfst es hin und her, aber was hast du selbst, als Person, damit zu tun? Ist es ein gutes oder ein böses, ein nährendes oder ein aushungerndes Auge, das auf diese oder jene Sache fällt oder geradewegs ins Auge des Gegenübers strebt?
Es sind ja, wie Legende und Anekdote uns unterrichten, nicht immer und bloß schlechte Menschen, die mit ihrem missmutigen oder neidvollen Spähen schaden. Aus dem Talmud ist zu erfahren, dass große Gerechte mit ihrem bloßen Anschauen ganze Landstriche verwüsteten. Der Schaden, den ein Blick anrichtet, ist nicht unbedingt an eine Intention, an ein missgünstiges Bewusstsein gebunden. Aus der Überlieferung hört man, dass Blicke gleichsam aus eigenem Antrieb Zerstörung anrichteten, ohne sich um die Neigungen derer zu bekümmern, die sie aussandten. Das Auge war und ist seit jeher ein ungeheuer souveränes Organ. Es ist nicht im Zaum zu halten, schwerer jedenfalls als eine lose Zunge, die sich immer noch gegen Zahnreihen und geschlossene Lippen durchsetzen muss. Aber ein Auge – was für ein geringfügiges Hindernis bilden beim Blicken die Lider!
Wir können die bedrohlichen Nachrichten von bösen Blicken, die kreuz und quer durch unsere Welt sausen und ihre Opfer finden, ausgesucht oder nicht, sehend oder auch blind, diese Nachrichten können wir nur ertragen, weil wir überzeugt sind von der Menge der guten Blicke, die ihnen gleichsam nachsetzen, ihnen in die Quere kommen, sie entschärfen oder neutralisieren. Sonst wäre es in dieser Welt kaum auszuhalten. Das Sichtbare ist in seinen nicht sichtbaren Dimensionen ein Kampffeld, ein Schlachtfeld. Das gute Auge bietet dem schlechten die Stirn. Es finden Waffengänge statt wie zwischen Heerscharen, deren Ordnung wir nicht durchschauen. In diesem Getümmel, in diesem Dauerfeuer wandeln die Dinge zwischen den Fronten, deren anarchischen Verlauf niemand kennt, ihr Aussehen, ihr Ansehen. Dort fällt etwas, dort geht etwas auf, dort fasst sich jemand ans Herz, woanders ziehen Gläser, Brillen, Bildschirme, Teleskope, Radarsonden und als unzählbares Fußvolk Monitoren, Navis und iPhones ins Feld, spähen aus, sehen, was du nicht siehst. Dies sind unsere persönlichen dienstbaren Drohnen, die in namenlosem Auftrag Blicke wie Blitze aussenden, böse und gute in rätselhaften Quanten gemischt.

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