Amerika

Meine ersten Kenntnisse über Amerika verdanke ich einem Puzzle. Es bestand aus ebenso vielen gestanzten Pappteilen, wie es Staaten gab. Alaska und Hawaii waren noch nicht dabei. Das machte die Sache einfacher. Jedes Teil des Puzzles entsprach einem Staat der Vereinigten Staaten. Die farbig bedruckte Oberseite zeigte ein Erzeugnis oder sonst etwas für den jeweiligen Staat Typisches. Oregon war zum Beispiel mit einem Apfel ausgestattet und befand sich oben links in der Ecke. Dakota zeigte Getreideähren. Florida war seiner Umrisse wegen leicht zu merken, ebenso Texas und Kalifornien. Die neuenglischen Staaten waren klein und sowohl ihre Form wie auch ihre Namen waren schwer zu behalten. Hinzu kam, dass sie wegen ihrer Kleinheit ohne Bildsymbol auskommen mussten. So ist ihnen bis heute ein Moment von Unanschaulichkeit geblieben.
Es war das erste Puzzle in meinem Leben und ein Geschenk der Tante, die damals in Upstate New York lebte, später in Kalifornien. Es war in einem der Pakete enthalten gewesen, die uns mit bunt karierten Jacken und Plum Pudding beschenkten, außerdem mit Flugzeugträgern, die aus kleinen grauen Einzelteilen aufzubauen waren.
Dieses Puzzle, das wir Geschwister eine Zeitlang mit großem Eifer auseinandernahmen, durcheinandermischten und erneut zusammenfügten, gab eine zwar rudimentäre, aber einprägsame Anschauung der Geo- und Topographie der USA. Auf diesem Sockel bauten praktisch alle späteren Kenntnisse auf, die ich in und mit diesem Kontinent erwarb. Die ersten wirklichen Erfahrungen begannen mit einer Durchquerung im Greyhound von Norfolk nach Los Angeles. Mit sieben oder acht wusste ich, dass Denver in Colorado zu suchen ist und Salt Lake City zu Utah gehört. New Mexico grenzt an Mexiko an und die Nordgrenze der USA zieht sich wie ein straff gezogenes, aber doch leicht durchhängendes Seil von Wesen nach Osten, mit Kanada dahinter.
Die Weltkarte, die heute an der Tür des Arbeitszimmers hängt, verzeichnet nur noch die großen Städte der USA, ohne die Grenzen der Bundesstaaten zu berücksichtigen. Aber bei Phoenix fällt sogleich Arizona ein. Kansas City gehört zu Kansas, Nashville zu Tennessee, Portland zu Oregon.

Die Erinnerung an dieses Puzzle ist wachgerufen worden durch eine Erinnerung, die Canetti in seiner Biographie verzeichnet: “Ich bekam ein ‚puzzle‘ zum Geschenk: die farbige Karte Europas, auf Holz aufgeklebt, was in die einzelnen Länder zersägt worden war. Man warf die Stücke alle auf einen Haufen und setzte blitzrasch Europa wieder zusammen. So hatte jedes Land seine eigene Form, mit der meine Finger sich vertraut machten und eines Tages überraschte ich den Vater mit der Behauptung: ‚Ich kann es blind!‘ ‚Das kannst du nicht‘, sagte er. Ich schloss fest die Augen und fügte Europa blind zusammen. ‚Du hast geschwindelt‘, sagte er, ‚du hast zwischen den Fingern durchgeschaut‘. Ich war beleidigt und bestand darauf, dass er mir die Augen zuhielt. ‚Fest! Fest!‘ rief ich aufgeregt und schon war Europa wieder beisammen. ‚Wirklich, du kannst es‘, sagte er und lobte mich, kein Lob war mir je so teuer gewesen.“ *

*) Elias Canetti, Die gerettete Zunge, München/Wien: Hanser 1980, 69f.

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