Spezialisierung versus Verwandlung

Zwischen frühzeitiger Spezialisierung und steiler Karriere in den Künsten und Wissenschaften mag es Zusammenhänge geben. Konzentration auf ein spezifisches Feld, Professionalisierung wirkt wie ein Panzer oder Korsett der Zersplitterung entgegen, dem Dilettantismus, der immer dann droht, wenn man sich für vieles, ja eigentlich alles interessiert und von Erfahrungsbegierde und Erkundungslust mal dahin, mal dorthin getrieben wird, ohne irgendwo länger zu verweilen.
Canetti bricht eine Lanze genau für diese Art der Existenzgestaltung:
„Ich bin nicht der Meinung, dass es von Gefahr ist, sich weit anzulegen. Verengungen bringt der Lebensprozess ohnehin mit sich, und wenn eine Verengung auch nicht ganz zu verhindern ist, so kann man sie doch aufhalten und ihr entgegenwirken, indem man sich möglichst weit ansiedelt.“
Der Tendenz oder auch Notwendigkeit, sich in eine einzige Richtung zu schlagen und die Kräfte unter ökonomischen Gesichtspunkten zu bündeln, zu kanalisieren, stimmt eine Haltung zu, die nur zielgerichtete Entwicklungen zulässt. Wer sich breit und weit anlegt im Sinne von Canetti, schreibt sich nicht auf vorgenommene Zwecke und vorgegebene Orientierungen fest, setzt sich vielmehr allen möglichen unvorhergesehenen Verwandlungen aus, die oft aus Krisen und Konflikten hervorgehen. In Hinblick auf die eigene Entwicklung urteilt Canetti: „Es war, so sehe ich es heute, ein guter Instinkt, der mich zu den Verwandlungen trieb, die Beschäftigung mit ihnen bewahrte mich davor, der Welt der Begriffe zu verfallen, an deren Rand ich immer blieb.“ *
Wer sich einmal spezialisiert hat, wird Mühe haben, daraus loszukommen. Die Möglichkeiten, sich zu verwandeln, sind stark eingeschränkt, sind unfrei geworden oder im Prozess der Spezialisierung abgeschafft.

*) Elias Canetti, Die Fackel im Ohr, München: Hanser 1982, 284

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