Intelligenz

Kürzlich stand im Internet „Menschliche Intelligenz nimmt ab“. Schade.

Aber es gibt einen Trost: die Intelligenz der Krähen nimmt zu. Sie lassen sich in großen Städten und an Stätten nieder, wo vor zehn Jahren kein Mensch sie vermutet hätte. Sie werden urban, sie werden zu Metro- und Kosmopoliten.

Ein spätherbstlicher Sonntagnachmittag am Mainufer. Zwei Männer spielen auf der Promenade Boccia. Als Ziel verwenden sie ein kleines leuchtrotes Ding, das wie eine Boje aussieht. Es ist besser zu sehen als die üblichen tischtennisballgroßen Kugeln, dabei so auffallend, dass es eine Krähe herbeilockt. Auch Krähen lieben bunte und glänzende Dinge, selbst wenn sie nicht genießbar und jenseits aller Verwendbarkeit sind. Sie sammeln und horten sie nicht, wie die Elstern. Eher wie Spielzeug oder wie unsereins Schmuck, Broschen, Diademe, Orden und Kleinkunst.

Die Krähe ist scharf auf das ausgeworfene Ding.

Sie hüpft näher und näher heran.

Einer der Männer läuft herbei, stampft auf, fuchtelt mit den Armen, klatscht in die Hände.

„Die klauen diese …“ ruft er seinem Mitspieler zu, der weiter weg steht, „die klauen die immer wieder …“. Er nennt das leuchtrote Ding mit einem Namen, den ich wieder vergessen habe, bin erstaunt und bleibe stehen. Die Krähe macht ein paar Flügelschläge, ist aber nicht zu verscheuchen. Von der Seite, wo das Städel ist, kommt eine zweite Krähe hinzugeflogen. Es ist ein ungleicher Kampf, der nun anhebt. Zwei Männer gegen zwei Krähen. Es ist kein Spiel mehr. Das Bocciaspiel ist verdorben. Jetzt wird es ernst. Die schwarzen Vögel sind beharrlich. Sie haben alle Zeit der Welt. Die Männer haben es schwer. Sie müssen gegen die ausdauernden Störenfriede und außerdem gegen den lächerlichen Anblick kämpfen, den sie den Vorübergehenden bieten. Die ersten Zaungäste stellen sich ein.

Ein Streit oder Wettstreit, für die Krähen eine neue Form der Unterhaltung, ein Sport, ein ermunternde Abwechslung an diesem sonst trüben Sonntagnachmittag…
Den Ausgang muss ich leider verpassen.
Ich habe eine Verabredung im Städel.
Dort gibt es „Schwarze Romantik“.

Eine Einzelwahrnehmung, könnte man meinen. Aber das ist nicht der Fall.

Heute gab es beim Fössefriedhof, zwischen der Friedhofsmauer und der Wunstorfer Straße mit viel Auto- und Straßenbahnverkehr, einen weiteren Krähen-Intelligenztest zu beobachten.

Ein älterer Mann führt am Grasstreifen, der vor der Mauer entlanggeht, seinen Hund spazieren.

Ein ruhiger und freundlicher Hund, mittelgroß und angeleint. Der Mann bleibt stehen, ein ruhiger und bedächtig wirkender Mensch.

Zwei drei Schritte weiter eine Bank.

Herr und Hund spielen mit dem Gedanken, eine kleine Pause einzulegen. Sie bleiben stehen. Die Krähe kommt angehüpft. Sie kommt dem Hund erst von hinten, dann von der Seite so nahe, dass dieser sie mit einem kleinen, aber entschlossenen Sprung packen könnte. Trotz Leine. Doch nichts dergleichen. Hund, Mensch und Krähe verhalten sich still mit einander, entspannt und gelassen. Als würden sie sich in etwas Gemeinsames teilen, in eine Angstfreiheit, könnte man sagen.

Krähenintelligenz, denke ich, macht mutig. Hundeintelligenz macht friedlich. Menschliche Intelligenz – auf korrespondierendem Niveau – macht bedächtig und kommunikativ.

Vielleicht macht Intelligenz, die sich in Quotienten berechnen lässt, in Wahrheit aggressiv und stupid.
Sie stünde damit jener Dummheit nahe, die nicht mutig, sondern bloß dreist macht.

Eine Intelligenzabnahme, ein Quotientenintelligenzschwund bei Mensch und Tier wäre demnach zu wünschen.

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