Erkenntnis

Im Prinzip zielt Erkennen auf Klärung, auf Klarsicht. Es gibt ein gutes Gefühl, klar zu sehen. Man schätzt ungetrübte Aussichten, wie sie sich im Erkenntnisprozess immer wieder verheißen. Doch kommt zu dieser perspektivischen oder objektiven Klärung stets ein ganz eigenes, ein subjektives Moment hinzu. Man könnte es ‚Verklärung‘ nennen. Es hat zu tun mit einem kathartischen Vorgang, der im Erkennenden selbst abläuft, die erkennende Person erfasst und durchdringt.
Darauf spielt Paulus an in seinem berühmten Hymnus* auf die Liebe: Erkenntnis vergeht, sagt er, weil sie bruchstückhaft, partikular und fragmentarisch bleibt. Sie geschieht jetzt in einem Spiegel, in einem Rätsel (Ainigma). Das sind wir selbst, das sind wir als Medium, als Akteure, als Schauplätze und Gegenstand von Erkenntnis.
Doch erst dann, wenn eintritt, was man vollkommene Gegenwart nennen könnte, wenn wir selbst in vollkommener Weise gesehen, gewahrt und durchschaut werden, kommt es zu Erkenntnis im emphatischen Sinne. Man ist nicht mehr nur selbst erkennend, sondern erkannt werdend. In und mit den erkannt Werdenden, Erkenntnis Werdenden vollendet sich das Erkennen, das eigene durch das andere.

*) Korinther I, 13, 8ff.

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