Hygiene

Menschliche Unterschiedenheit findet in den Physiognomien ihren äußeren, sichtbaren Ausdruck. Aber Nasen, Münder und Augen bauen keine Differenzen zwischen Menschen auf, sondern Meinungen und Vorstellungen. Es sind insbesondere Einbildungen und Überzeugungen von dem, was rein, was hygienisch, was gesund sei (oder mache).
Diese Überzeugungen sind tief verankert und häufig ebenso unveränderlich wie Nasenform oder Augenfarbe. Das heißt, sie stehen in der Regel nicht zur Disposition und nicht zur Diskussion.
Die Stifter der Religionen und Begründer der Kulturen setzen an der Macht dieser Vorstellungen an. Sie geben ihnen durch Gebote, Satzungen, Riten und kultische Vorschriften eine einheitliche und verbindliche Gestalt. Sie kanalisieren und formatieren.
Die Reinheitsvorschriften, die im mosaischen Gesetz besonders plastisch zur Erscheinung kommen, sind im Prozess der Säkularisierung aufgeweicht, in der säkularen Sphäre durch individuelle Überzeugungen ersetzt worden.
Vermutlich überwölben immer noch kulturspezifische Anschauungen die individuellen Ansichten von dem, was ‚gesund‘ sei, was ‚hygienisch‘, was für schmutzig oder sauber, für rein oder unrein zu gelten habe. Aber die individuelle Einstellung hat sich vielfach gegen den „Überbau“ durchgesetzt. Im privaten Raum, in Küche und Bad, Bett und Klo stabilisieren sich solche Vorstellungen. In Marotten, Macken und Zwangshandlungen ertrotzen sie auf kleinem Raum eine zwar begrenzte, aber meist unumstößliche und unanfechtbare Geltung. Sie erzeugen Haltungen, die nicht nur im Intimbereich das Sagen und Bestimmen haben.

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