ans andere Ende der Welt

Es hilft nichts, man muss immerfort ans andere Ende der Welt. Denn dort, und nirgendwo sonst, tauchen die Gedanken auf, die man vergessen hat. Sie schrecken nicht davor zurück, die Welt zu umrunden, entgegen dem Uhrzeigersinn. Sie wandern durch die Nachtseite, die Unterseite der Welt. Ihre nächtliche Reise entspricht der Fahrt, die nach altägyptischer Vorstellung die Sonne allabendlich antritt: sie geht im Westen unter und reist in einer Barke durch den unterweltlichen Ozean.
Eine gefährliche Reise.
Die Gedanken, die in Vergessenheit geraten, scheuen ihn nicht, diesen langen und gefahrvollen Weg durch die Unterwelt. Sie machen es der Sonne nach, doch ohne Schiff. Sie durchqueren das Reich der Finsternis schwimmend. Ihnen hilft niemand ins Boot, in die verhüllte Barke der Sonne, die allnächtlich rauschend und lautlos zugleich an ihnen und zwischen ihnen dahinbraust, von unsichtbaren Händen gelenkt.
Dort unten gibt es keinen Fähr- und keinen Fernverkehr. Dort ist jeder Gedanke, der in Vergessenheit geraten ist, auf sich selber gestellt. Manch einer bezahlt seinen Todesmut damit, dass ihn die Tiefe behält. Überall lauert Vernichtung, der „Rachen des Drachens“, speziell ihn oder sie, die Idee, mit Haut und Haar zu verschlingen.
Andere aber, viele aber –
schaffen es.
Ihnen gelingt die Durchquerung des Abgrunds der unteren Wasser. Sie gelangen ans andere Ende der Welt. Dort steigen sie im entzückenden Licht, das die angekommene Sonne über sie breitet, ans leuchtende Ufer: „Alle vergessenen Gedanken tauchen empor, am anderen Ende der Welt.“ *

Um sie dort also zu empfangen und aufzunehmen muss jeder, dem es ums Gewahren und Erkennen geht, immer von neuem ans andere Ende der Welt.

Wir sind besser dran als unsere Gedanken.
Wir nehmen einen oberirdischen Weg, der ihnen verwehrt ist, sobald sie in Vergessenheit sinken.
Wir sind tüchtig vernetzt und in guter Verbindung zu allen Punkten der Welt.
Wir klicken ein paar Mal – und schon sind wir da.
Das geht inzwischen unerhört schnell.
Daher sind wir manchmal vor ihnen da, während sie tief unten noch schwimmen und rudern auf gefahrvollen Routen.

Es könnte bald sein – und geschieht vielleicht schon heute und jetzt – dass wir drüben ankommen, am anderen Ende, während sie uns hüben noch gar nicht gekommen sind, auf den Ufern diesseits.

*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 50

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