Die Tanninim

Sie gehören zu den ersten Geschöpfen überhaupt, die in die Welt gekommen sind. Sie sind nicht geboren, sondern wie auf einmal waren sie da, von einer grenzenlosen Leibesfülle und strotzend, dabei zahm, ohne dass ein Mensch schon entstanden gewesen wäre. Sie waren so zahm, dass sie ihm, in anfänglicher und verzeihlicher Unkenntnis seiner Wildheit, in aller Einfalt aus der Hand gefressen hätten.

Das Weltmeer war auch schon da, groß und schwappend, ebenfalls uferlos. Hier befanden sie sich in ihrem Element, zogen die Fluten durch ihre Leibesöffnungen ein und spieen gewaltige Fontänen aus, die über die Stratosphäre hinausschossen und sich dann als Wolken und Nebelfetzen in den rotierenden Räumen verloren.

Ihr hebräischer Name besagt, dass ihre Leiber wie Schatten und Rauch waren, überall riesenhaft ausgebreitet in dem sie umgebenden Wasser. Ihr Schwimmen und Tauchen im Ozean war wie quellender Dampf in einem rauchenden Spiegel. Ihre Flossen gebrauchten sie als Flügel, ohne bei ihrem Spiel dem Gesetz der Schwere verhaftet zu sein.

Von den Sauriern, ihren kümmerlichen Nachfahren, den Geschöpfen einer gewissermaßen schon ermatteten Phantasie, weiß man, dass sie inzwischen ausgestorben sind. Aber von den Tanninim hat man noch keine Reste gefunden, weder
Knochen noch Zähne. Aber im Rauschen, das der Welthintergrund heute noch unseren gespitzten Antennen und weit geöffneten Radioschirmen zuspielt, ist ihr Schnauben immer noch wie ein fernes Seufzen zu hören.

2.1.90

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