Gefühle und Gedanken

Es gibt Gefühle, die mächtig aufragen und auftragen und dann – das entspricht nun einmal ihrer Natur – wieder zurücktreten in die unbegreifliche Quelle, aus der sie aufgestiegen sind. Nach ihrem Erblassen bleibt, gleichsam ihr Skelett, ein bleicher Gedanke, der durchs Erinnern immer blasser und abgegriffener wird. Erst dadurch, dass man sich von dieser untauglichen Reliquie trennt, gibt man dem Gefühl selbst eine Chance, wiederzukehren.
Vergleichbares gilt, wie Canetti festgestellt hat, auch für Gedanken, die sich auf einmal davon gemacht haben. Aus ihnen werden „verschwundene Gedanken, die man fühlt, aber nie mehr wiederfindet.“ *
Vielleicht könnte man sie wiederfinden, wenn es gelänge, sich von dem Gefühl zu lösen, das sie hinterlassen haben. Es hält den Suchenden fest und sie – wer weiß – von ihm fern.
Denn kein Gedanke möchte zu einem schon gehabten, schon erlebten Gefühl zurückkehren. Das wäre distanzlos, eines echten Gedankens nicht würdig.
So lauert der gesuchte Gedanke in der Ferne auf den Moment, auf den günstigen Augenblick, in dem der Sucher absichtslos abgeschweift ist von diesem Gefühl. Auch nach der Rückgewinnung des Verschwundenen steht nicht mehr sein Sinn.
Dies ist der kairós, der günstige Augenblick, in dem der Gedanke von alleine zurückkehrt, manchmal im luftigen (Feder)Kleid einer Inspiration.

*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 38

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