Schwermut

Die alten Naturforscher haben herausgefunden, dass die Schwermut als zäher und dickflüssiger Strom aus der Milz in den Blutkreislauf fließt. Es handelt sich um keine sichtbare oder messbare Substanz, aber umso fühlbarer und beobachtbar sind die Wirkungen, die dieser schwere und finstere Ausfluss in Verfassung und Verhalten der davon Betroffenen auslöst.
Man hat den melancholischen Erguss mit Lava verglichen, die rotglühend aus dem Innern der Erde hervorkommt und nach Verlassen des Kraters, also der Milz oder der Galle, wie andere meinen, zu einem rasch sich schwärzenden, erkaltenden und erstarrenden Strom wird, zwischen dessen Verzweigungen nur noch einzelne Inseln mit grünen Baumkronen, die Blätter am Rande versengt, übrig bleiben. Das sind dann die abgeschnittenen Erinnerungsaufenthalte der Seele, aber ganz in Dampf und Rauch gehüllt.

Physiochemisch gesehen hat dieses Milzsekret Verwandtschaft mit dem indianischen Pfeilgift Curare. Es führt eine Lähmung bestimmter psychischer Funktionen herbei, eine Art innerer, von konvolusionsartigen Schmerzen begleiteter Starrkrampf. Man wird wie aus Zement oder Blei, nimmt jedenfalls eine derartig dichte Beschaffenheit an, dass alle feineren und hochfrequentigen Schwingungen gleichsam abgeblockt werden.
Diesen Zustand nennt man den ‚bleiernen König in der Dunkelkammer’. König, weil der Betroffene jenem vorderasiatischen Herrscher gleicht, durch den alles, womit er in Berührung kam, zu Gold erstarrte. Dunkelkammer, weil der Aufenthalt dort überaus finster, dabei aussichtslos und ungesund ist.

Melancholie ist Verstockung des Gemüts, eine Art
Gemütsstarrsinn. Was eigentlich schweben und quirlen sollte, ist auf einmal festgebacken, geronnen wie unter der Einwirkung geheimnisvoller Konglomerationskräfte.
Der hebräische Ausdruck „kaschah ruach“ gibt zu verstehen, dass jener Seelenteil, der nach unten und oben beflügelnd hin und her schweben sollte, bis zur Unbeweglichkeit verhärtet und versteinert ist. Die „ruach“, das Geistprinzip, ist zum Klotz geworden, der alle Eingänge und Ausgänge sperrt.*

*) geschrieben am 27. September 1990

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1 Response to Schwermut

  1. rebsch sagt:

    Haben die alten Naturforscher etwas herausgefunden, oder eine chemistische Methapher für eine psychische Verfassung erfunden?

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