sachdienlich

Geschichte zeigt sich immer wieder als das, was da erinnert, zurechtgemacht, rekonstruiert, zusammengebastelt wird. Sie wechselt von Epoche zu Epoche, verändert von Augenblick zu Augenblick ihre Gestalt. Sie passt sich gut unseren Wünschen und Ängsten an, die in die Zukunft voraneilen (und dies ebenso vorgeblich wie vergeblich tun).
Ihre Vergegenwärtigung, oft schon ihr Anblick oder Schatten, trägt zur Inszenierung von Gegenwart bei.
Eine theatralische Vergangenheit, dieses Theater der Illusionen.

Oft träumen wir über die Dinge hinweg, die beharrlich und still zum Geschehen beitragen. „Der Mensch erinnert sich an die Dinge, wie sie gern gewesen wären: schrecklicher, besser, breiter.“ *
Diese Menschenerinnerungen sind ein Ersatz für die Erinnerungen und Träume, die die Dinge, ihrer Beschaffenheit nach, nicht haben können (und womöglich stark entbehren).
Zuallererst wären sie gerne schrecklicher gewesen. Denn das hätte uns, die wir so gerne klein von allem denken, vielleicht aus unserer gewohnheitsmäßigen Gleichgültigkeit aufgeschreckt. Es hätte uns womöglich dazu gebracht, ihnen – und damit auch uns selbst, die wir ja in ihnen stecken – mit mehr Respekt und Achtsamkeit zu begegnen.

*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973-1984, München/Wien: Hanser 1999, 112

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