Zusammentreffen

Schicksal, mutmaßt Canetti, könnte sein, was sich aus dem Zusammentreffen heterogener Faktoren ergeben kann. „Was trifft wann worauf?“ *
Das Aufeinandertreffen „griechischen Denkens“ mit dem „Fanatismus biblischer Eingöttlichkeit“ habe die Welt, meint er, auf einen Unglücksweg gestoßen. Es hätte auch anderes zusammentreffen können. Es hätte – bei einem anderen Zusammentreffen – segensreicher ausgehen können für die Welt.
Wenn Canettis Vermutung richtig sein sollte, dann ergäben sich Lebensgeschichte und Universalgeschichte hauptsächlich aus Zusammenfällen, aus Ko-inzidenzen.
Aber was heißt das im Einzelfall?
Verläufe kommen einander nahe, vermischen sich (oder prallen von einander ab).
Sie können sich überlagern oder verflechten, so dass mal der eine, mal der andere Strang stärker hervortritt.
Nach dem Zusammentreffen kann es zu einer beidseitigen Verstärkung kommen, oder zur wechselseitigen Schwächung oder sogar Aufhebung (Interferenz).
Das Zusammentreffen, auf das Canetti hinweist, muss also Fall für Fall untersucht werden.

Mit seiner kritischen Einschätzung der weltgeschichtlichen Folgen, die sich aus der verhängnisreichen Verbindung von Antike und Bibel ergaben, liegt er vielleicht richtig. Aber das kosmische Spiel der Koinzidenzien ist noch nicht zu Ende. Wir sehen nicht voraus, was zum Beispiel das Zusammentreffen arabisch/afrikanischer und chinesischer Traditionen mit einander und mit westlicher Zivilisation für Auswirkungen haben wird auf alle Beteiligten. Es könnte sein, dass bei diesem Zusammenkommen und den dabei einsetzenden Erschütterungen mentale und kulturelle Tiefenschichten freigelegt werden, die im Augenblick kein Mensch im Blick oder im Kopf hat. Vielleicht gibt es Hinweise darauf und Andeutungen in den Apparaturen, Systemen und Medien, denen wir unser Wissen anvertrauen, in denen wir es stauen, verstauen. Doch haben wir, leider, noch nicht das seherische Bewusstsein, das in diesen gespeicherten Zeichenmengen komplex lesen und die Wunder erspähen (oder auch kombinieren) könnte, die auf unsere Gegenwart zukommen – oder sollte man zutreffen sagen?

*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973-1984, 68

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