vom Widersinn

Zu den ersten Phänomenen, mit denen sich eine Person auf Sinnsuche befreunden sollte, gehört der Widersinn. Es gibt ihn überall. Man stolpert über ihn. Alles ist in widersinniger Weise durchsetzt von Sinn und Widersinn. Kein Entrinnen aus dieser Kluft, aus dieser Umklammerung.
So widersinnig wie die Realität, in der wir stecken, ist auch die Bibel. Sie ist ein total widersinniges Ding, steckt voller Widersprüche. Eine scheinfromme Theologie hat seit jeher versucht, sie zu glätten. Damit wollte sie vielleicht einem selbstgefälligen Gott zuarbeiten und einer ebenso falschen menschlichen Selbstgewissheit. Widersinn wurde einfach weggebügelt und wegpoliert.
Der gleichsam internen Widersprüchlichkeit der Bibel korrespondiert der Widerspruch, in den sie sich zur Welt begibt, zu herrschenden Wirklichkeitsauffassungen und Realitätskonzepten. Aus diesem doppelten, externen und internen Widersinn ergibt sich ihre Wirkmacht. Sie setzt sich in Anstößigkeit fort, ergibt frische und unvorhersehbare Impulse und Streitpunkte.
Bibel ist mehr Projekt als Opus, genauso wenig abgeschlossen wie die Schöpfung, von der in ihr am Anfang die Rede ist. Opus operans. Unterricht oder Einübung in Widersinn für die, die sich auf sie einlassen. Aus dem Handgemenge von Sinn und Widersinn entwickelt sich eine spezifische Dynamik. Es ergibt sich eine Verbindung, ein hochexplosives Gemisch, mit dem allerhand Beschränkungen aufgesprengt werden könn(t)en. Durch die Breschen und Öffnungen, die sich dann ergeben, zieht immer wieder die Luft einer schmeck- und riechbaren Freiheit herein. Die mischt sich wunderbar mit dem Pulverdampf, der aus den beharrlichen Sprengarbeiten aufsteigt.

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