ganz von vorn, alles noch einmal

Eigentlich ist alles irgendwann bereits angesprochen, irgendwo längst geschrieben.
Die Suchmaschinen können es beweisen und navigieren einen durch immense Dimensionen des Wissbaren und je Gewussten. Aber lassen wir uns davon nicht entmutigen, sondern anstoßen: fassen wir ein Herz und den unbeirrten Entschluss, erneut anzufangen mit Aufschreiben und Ansprechen. Selbst wenn es nichts Neues geben sollte unter der Sonne, mach dich dran, fortzusetzen oder ganz von vorn anzufangen. In der Repetition, in der Wiederholung reist die Eingebung mit. Sie frischt auf und erneuert. Als blinder Passagier steigt Einsicht steigt helläugig und ermunternd aus dem Aufbruch hervor – sofern man ihn wagt. Sich auf den Weg machen, von irgendwo hinten nach „ganz-von-vorn“. Hier begegnet man, gleichsam am Rande, den übersehenen, vergessenen, verlassenen oder verlorenen Dinge, den Hab- und Seinsseligkeiten, auf denen, wie es dichterisch heißt, Herz und Haupt fußen.

Die Endlosigkeit aller Arbeiten mag manchmal entmutigen. Aber darin versteckt eine merkwürdige Hoffnung: keine Arbeit wird je abgeschlossen sein; das begeisternde Wälzen und Wenden der Steine, der Seiten und Blätter wird uns niemals entrissen.

Errungenschaften und Vermächtnisse leben davon, dass sie angetastet, gepackt, gedreht, bewegt und fortgerollt werden.
Ein Sieb muss man rütteln und schütteln. Sonst fällt nichts durch und bleibt auch nichts darin hängen.
Auslesen, Sammeln, Zerstreuen, Spielarten, also Varianten und Lesarten herstellen.
Schreiben ergibt Palimpseste: die Textvorlage wird in der Abschrift überschrieben, lasiert.
Es kommt für die Sache und für den Schreiber infolge genauen Lesen Anderes heraus, eine überraschende Fortsetzung, eine verblüffende Widerlegung vielleicht.

In Kenntnis dieses Effekts wird im Traktat Sanhedrin als Gebot (mitzvah) nahegelegt, eine Torahrolle für sich selbst neu zu schreiben, auch dann, wenn man längst schon eine von den Vorfahren hat.

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