gut beratene Schöpfer

Die Formulierung Genesis 1, 26, „Lasst u n s Menschen machen …“ stellt einen mehrzähligen Sprecher vor, einen Schöpfer im Plural. Dieser Sachverhalt hat Anlass zu den unterschiedlichsten Auslegungen und Spekulationen gegeben. „The extraordinary use of the first person plural evokes the image of a heavenly court in which God is surrounded by His angelic host.”* Sarna macht in seinem Kommentar darauf aufmerksam, dass noch an zwei weiteren Stellen diese “plural form of divine address” zu finden ist: einmal in Verbindung mit der Vertreibung aus dem Garten Eden (Gen. 11,7); ein andermal anlässlich der Zerstreuung der Menschen nach dem Scheitern des babylonischen Turmbaus. Es werden also jedes Mal menschliche Interessen ebenso zentral wie unmittelbar berührt. Daher treten Himmel und Erde ohne solche Präliminarien ins Sein.
Auf die daraus zu ziehenden Schlüsse kommen wir gleich zurück.
Zunächst einmal zum ‚heavenly court‘, zum ‚himmlischen Hofstaat‘: er besteht aus Instanzen, die von Elohim – ebenfalls eine Pluralform – nicht abzutrennen sind, obwohl wir sie später als „himmlische Heerscharen“, als Seraphim, Cherubim, Lebewesen des Thronwagens usw. kennen lernen.
Aus einer kabbalistischen Perspektive sind damit die Sephiroth angedeutet, zehn an der Zahl, die in der „Selbstwerdung“ Gottes sich aus dem gestalt- und grenzenlosen Urgrund En Soph entfalten und die Basis zum Schöpfungsgeschehen abgeben.
In gewisser Hinsicht könnte man also sagen, Gott tritt im Hinblick auf die Erschaffung der Menschheit in ein Selbstgespräch. Er tauscht sich in dieser eminent wichtigen Angelegenheit aus.
Christologisch wird diese Stelle gedeutet als Unterredung zwischen den drei göttlichen Personen. Zwischen Gott-Sohn, Gott-Heiligem Geist und Gott-Vater erfolgte eine Konsultation. Sie ging der Erschaffung Adams voraus, ja begründete diese.
Die rabbinische Überlieferung hat für das schöpferische ‚Wir’ bei der Erschaffung des protoplastischen Adams noch eine andere Erklärung:
es sind die Gerechten, mit denen sich die Gottheit berät. ** Indem bei Gott alle Zeit gleich ist, sind Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen gegenwärtig. Abraham, Moses, Noah, David, Jakob, Jesaja, Daniel, um nur ein paar exemplarische Leuchten des Menschengeschlechts zu nennen, sind bei der Erschaffung Adams vom Schöpfer bereits vorgesehen. Indem sie in der schöpferischen Vorstellung Gestalt annehmen, werden sie maßgeblich, wirklich und ursächlich in einem Umfang, den die Rabbinen im Bild einer Konsultation zwischen gleichen und stimmberechtigten Partnern zu fassen versuchten. Sie sind diejenigen, die das Projekt ‚Adam’ lohnenswert machen, und zwar für Gottheit und Menschheit.
Diese antezipatorische Realität des humanen Typus, des Menschen-Wesens hat einen neutestamentlichen Ausdruck gefunden in den auf den ‚Menschensohn’ und Messias Jesus zielenden Worten: „durch ihn und zu ihm hin ist alles geschaffen“.***
In einer Disputation mit seinem Bruder betont der Chassid Susja den Anteil von Verantwortung, den jeder von uns hat an der Übertretung Adams und Evas. Sie setzt ein mit der Zustimmung, die wir gegeben haben am Tag seiner (und unsrer) Erschaffung. Und selbst wenn wir zu denen gehört haben sollten, die sich seinerzeit gegen das Projekt ‚Adam’ aussprachen – wir waren bei dem Plebiszit dabei und haben uns an gewisse demokratische Regeln zu halten. Es sind nämlich dieselben, für die wir auch gegenwärtig einstehen und die wir auch heutzutage gegen das möglicherweise autoritäre Konzept eines Schöpfergottes mit Nachdruck durchsetzen wollen. Bei der Findung, Erfindung oder ‚Konstruktion’ dieses umfassenden Wesens wünschen wir, es möge, um uns bei diesem tragweiten Projekt zu beraten, von Anfang an mit dabei sein – am besten mitten unter uns.

*)The JPS Torah Commentary, Nahum M. Sarna, New York: JPS 1989, 12
**)Midrasch Genesis Rabba VIII, 7, Soncino Edition, Vol.I, p.59: “He took counsel (with the souls of the righteous) berfore creating the world.“
***)Brief des Paulus an die Kolosser, 1,15

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