Es denkt

Dass Denken sich keiner bloß individuellen oder persönlichen Initiative verdankt, sondern wie ein subjektübergreifender, die Subjekte durchflutender Strom ist, aus dem eine Person Gedanken aufgreift, einfängt und alsdann damit nach eigenem Belieben oder Gutdünken verfährt, scheint die Wortform dünken anzudeuten. Es kommt vorwiegend unpersönlich vor, in der Wendung mich dünkte, mich deuchte. Diese ungebräuchlich gewordene Ausdrucksweise ist z.B. in Luthers Bibelübersetzung gut eingebürgert. Sie ist dort fast ebenso häufig anzutreffen wie das üblich (und übrig) gebliebene denken.
Für mich dünkt sagt man heute lieber mir scheint, mir scheint dieses und jenes sich so und so zu verhalten. Damit ist, ebenso hellsichtig wie bedacht, ein Unbestimmtheitsmoment bezeichnet, das allem Denken inhärent ist. Es lässt sich aus dem Denken nicht herausreißen, dieses Scheinen und Meinen, sondern ist – wenn nicht sein guter Geist, so doch so etwas wie seine gute Seele.  Also dann doch wieder ein ganz persönlicher, ja intimer Zug im Denken, das so leicht zur kalten Abstraktion, zum mechanischen Überflug gerät oder sich als ‚objektiv’ geriert, als wollte es den vermeintlich neutralen Status der Dinge, denen es nachsetzt, sich einverleiben.
Dass mich etwas dünkt bringt übrigens noch lange keinen Dünkel hervor. Der entsteht vielmehr aus Ein- oder Abschließungen des Denkens in den Elfenbeinschlössern der Einbildung. Ein missliches Ergebnis, die fatale Folge einer Art Privatisierung, die weder in den Reichen der Phantasie noch in denen des Denkens eigentlich zulässig, geschweige denn vorteilhaft ist.

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