Attacke

In den vergangenen Tagen kam eine Notiz in die Zeitung: „Sprühattacke auf Poussin-Gemälde“. Bei dem angegriffenen Kunstwerk handelte es sich um „Die Anbetung des goldenen Kalbes“ des französischen Malers Nicolas Poussin (1594-1665). Das Bild hängt in der Londoner Nationalgalerie. „Ein Besucher zückte eine Dose und besprühte in der Manier von Graffiti-Sprayern die tanzenden Gestalten im Vordergrund mit roter Farbe.“
Warum mag er die Farbe Rot gewählt haben?
Das Bild ist insgesamt in einem Braunrot gehalten. Wäre da nicht blau oder grün passender, zumindest eklatanter gewesen?
Aber vielleicht aber ging es dem Angreifer genau darum, nun auch die in hellen Gewändern tanzenden Verehrer des Kalbes untergehen zu lassen in einer einzigen rotbraunen Soße.
Dabei zog er mit Dose und Düse Schleifen und Farbbahnen über das Bild, vielleicht ansatzweise Schriftzeichen, seine Sprayersignatur vielleicht.
„Der Mann, offenbar ein Franzose, ließ sich ohne Gegenwehr vom Wachpersonal festhalten und von Polizisten abführen.“
Was hat er nun davon?
Das hat er nun davon, dass in den Zeitungen und Medien davon berichtet wird.
„Ein ‚Guardian’-Bericht zitiert einen Augenzeugen mit den Worten: ‚Er stand einfach da und schien stolz auf seine Tat zu sein.’“

Aus dem vorliegenden Kurzartikel erfährt man, dass das Bild bereits in der Vergangenheit attackiert worden war. „1978 schlitzte ein Verwirrter die Leinwand mit einem Messer auf.“

Auch bei eingehender Betrachtung enthüllt sich nicht so leicht, wo der Stachel, das aggressiv machende Moment des Bildes zu finden sei. Das eherne Kalb schaut milde und sanftmütig schräg auf die Menge herab. Der Anstoß muss von den Tanzenden ausgehen. Es sind Frauen und Männer gemischt. Sie fassen einander an den Händen beim Umtanzen des Sockels, auf dem das gegossene Gebilde steht. Vielleicht ist es die harmlose Freudigkeit dieses Reigens,
die zur Empörung anreizen kann.
Oder ist es schlicht der Bildgedanke, der aufbringt? Merkwürdig nur, dass er gegen das Bild einnimmt. Man kann ja gegen die Vergötzung von Macht und Reichtum sein – dafür steht ja das Ganze traditionellerweise – aber dann müsste die Anprangerung solch einer Verirrung doch eigentlich eher Beifall als Ablehnung finden.

Vielleicht handelt es sich bei der Sprühattacke um eine symbolische Aktion. Der Angreifer hat in dem hoch geschätzten und Gemälde, dessen Auktionswert viele Millionen beträgt, eine repräsentative Metapher eben der Unmoral gesehen, die auch der Maler in seinem Bilde thematisieren wollte, der dieses Kunstwerk dann aber selbst zum Opfer fiel.
So würde der Angriff des Sprayers dem Übergriff des Mammon auf die Kunst in gewisser Hinsicht korrespondieren.

Eine andere Möglichkeit: er agierte einen ähnlichen heiligen Zorn aus, wie ihn Moses bewies.
der beim Anblick des frevelhaften Geschehens die Gesetzestafeln zerschmetterte.
Auch diese Szene ist auf dem Bild links oben zu sehen. Moses steigt gerade vom Berg der Offenbarung herab. Die eine der Tafeln hat er erhoben, um sie auf dem felsigen Boden vor sich zu zertrümmern.

Es ist zu vermuten, dass die eigentlichen Motive der Tat kein Verhör und kein psychologisches Gutachten an den Tag bringen kann.
Das gilt vielleicht für jede Form von Bildersturm oder Ikonoklasmus.
Es ist nie herauszufinden, ob solche Angriffe der Kunst gelten oder der Wirklichkeit, die sie zur Darstellung bringt. Die Imaginationen und Projektionen der Bilderstürmer bewegen sich auf dem schmalen Grat, der zwischen Kunst und Wirklichkeit läuft. Es ist nicht einmal ein Grat, sondern eher ein straff gespanntes Seil, das den Grenzverlauf anzeigt. Darauf balancieren und tanzen sie, Bildner und Bildfeinde. Es herrscht an manchen Stellen auch
Gegenverkehr auf dünnem Seil. Dann balancieren sie und tanzen sie durch einander hindurch – wie sollte es anders überhaupt gehen? Riskante Passagen, wo Bilder und Tafeln leicht zu Bruch gehen oder auch neu entstehen können.

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