Betrachtung

„Betrachter akkumulativer Vorgänge und eben solcher Zustände“
ist der Titel eines kürzlich entstandenen Bildes vom Typ der „Underweysungen“, wie sie Dürer seinerzeit angefertigt hat.
Allerdings soll hier weniger unterwiesen als vielmehr zu zeigen versucht werden, wie Betrachtung sich aus zunächst ungewissen, in der Betrachtung erst noch zu bestimmenden Verläufen und Situationen ergibt. Und in einem weiteren Schritt, wie sie sich dazu verhält.
Es geht um das Phänomen unterschwellig stattfindender Anhäufungen von Reizen oder Impulsen, die sich dann zu neuen und überraschenden Gebilden, Sachverhalten oder Situationen zusammenfügen. Aus winzigen, scheinbar zufällig ausgestreuten Punkten kommen Zusammenhänge zustande, die eine teils flüchtige, teils überraschende Anschaulichkeit gewinnen, wie Burgen, Berge, Federn, Schlösser und dergleichen aus Wolken Gestalt annehmen können, die ihrerseits doch nur aus feinen Wassertröpfchen bestehen.

Die Betrachter der Betrachtung sind über das Bild verteilt. Jede dieser Personen scheint versunken zu sein in die ihr sich bietenden Möglichkeiten und daraus eröffneten Anblicke. Das, was sich da zeigt oder andeutet, entwickelt in dem Maße, in dem man sich darauf einlässt, eine suggestive, eine bannende Kraft. Es hat keinen Sinn, sich daraus losreißen zu wollen. Man kommt zu besseren Resultaten, wenn man das Geschehen locker zu begleiten versucht. Nicht verfolgen, sondern begleiten.

Es gibt unterhalb des Bewusstseins eine Masse – man könnte auch sagen: eine Fülle – winziger Regungen. Wie sich aus Regen-Tropfen Pfützen oder Seen ergeben, so fließen diese unmerklichen Regungen zu Gefühlen und Bewusstseinszuständen zusammen. Sie ergeben, sie bringen zustande.
Es kann sich für diese intensiven Partikel keine treffende, keine wirklich passende Bezeichnung finden. Das allein kennzeichnet sie in paradoxer Weise.
Vielleicht erinnern sie an Quäntchen und Quanten, die – ihrer Einzelbedeutung nach – gegen Null gehen, aber doch zu einem enormen Gewimmel beitragen, das all unsere Vorstellungen weit übersteigt. Eigentlich nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, dass im Ernst nicht die blühendste Phantasie die Entstehung und Bildung der Kalkalpen aus winzigen Schneckengehäusen und Muschelschalen nachvollziehen kann.

Es wäre denkbar, dass die Erzählung vom Turmbau zu Babel beiläufig das Scheitern des Versuchs darstellt, willentlich und willkürlich die Masse oder Menge dessen, was wir „Regungen“ nannten, zu organisieren. Solche Anläufe, diffuse Fülle „in den Griff“ zu bekommen, werden in kleinem oder größerem Umfang immer wieder unternommen, aber ohne erwünschtes Ergebnis. Daher unser Rückverweis auf Betrachtung als vergleichsweise bescheidenes, dabei doch einigermaßen sinngebend ausfallendes Unterfangen.

Was da unterschwellig wimmelt, hat einfach energetische Qualität. Es sind lauter minimale Ladungen, Impulse, Reize oder so. Es hat – oder sie haben – zweifellos auch eine evident psychische Beschaffenheit. Über diese kommen sie dann, gleichsam über sich hinaus, zu Bewusstsein. Ihrer Geltung nach sind sie dynamisch, ihrer Herkunft nach aber durchaus materiell, man möchte sagen: leib-eigen.
Ein wenig erinnern und gemahnen sie noch an den Schweiß, den nach Auffassung rabbinischer Visionäre die gewaltigen Lebe-Wesen vergießen, die Vier Tiere, die den göttlichen Thronwagen durch die allerhöchsten Himmel und damit durch die tiefsten aller Abgründe ziehn.

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