Nabel

Es gibt generell akzeptierte und generell verworfene Formen von Beschauung und Betrachtung. Die Bauchnabelschau steht in schlechtem Ruf. Dennoch soll ein Versuch in diese Richtung gemacht werden.
Nabel im Nebel.
Nabel versinken im Bauch, in der Fülle der Bäuche, in Bauchgewölben gehen sie unter.
Dort müssen sie also gesucht werden.
Nabel im Nebel
Schwaden, die über Fettbuckel und Gewölbe streichen,
Anhöhen eines Bauches, Anhöhen von lagernden, stehenden, hängenden Bäuchen.
Buddha und die Etrusker hatten ausgebildete, hatten ansehnliche Bäuche mit Nabeln,
die sie mit Wonne und Leidenschaft vorzeigten
Wir sehen sie heute noch, diese Bäuche von Liegenden, Tafelnden, Sitzenden, Träumenden, Lächelnden.
Die Etrusker und Buddha haben lächelnde, wunderbar plastische Bäuche bis zum heutigen Tag.
Es gibt auch finstere Bäuche, wo im Speck Nächtliches haust, wo in den Schwarten,
in schluchtartigen Spalten Dunkel dahinzieht, wo man beinah erstickt und erdrückt wird in Windungen, die wulstig und schwer sich auf einen legen, auf einen Nabel zulaufen, den man nirgends mehr findet.
Manche Bäuche sind so, dass sie unter Polstern, Hügeln und Wülsten den Nabel vergraben. Aber: in jedem Bauch gibt es den entsprechenden Nabel.
Es gibt keinen Bauch ohne Nabel.

Zu jedem Nabel gehört ursprünglich eine Schnur. Sie ist innen hohl, also eigentlich eher Schlauch als Schnur.
Sobald das frisch Geborene aus dem Leib der Mutter hervorgetreten ist, wird diese ursprüngliche Verbindung gekappt. Die Hebamme macht einen Knoten in die Schnur, ein Knoten, der dann die Leibesmitte des Kindes kenntlich macht, kennzeichnet und gleichzeitig schließt.
Es bleibt in der Regel nur diese eingefleischte, manchmal an einen Knopf, manchmal an einen winzigen Rosenkohl, manchmal an eine Kornblumenknospe erinnernde Schließe.
Sie steht für ein stummes, konturloses, irgendwie verlorenes und verschollenes Dasein in den Bauchgewölben der Mutter, in den Tiefen einer nährenden und formativen Materie.
Daraus bin ich hervorgequollen, sagt das Kind später, wenn es einmal der Frage nach seiner Herkunft nachgehen sollte, Blick und Finger demonstrativ auf den Nabel gerichtet.

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