Stumpfsinn

Die meisten Sinne, die einem gegeben sind, neigen zur Übertreibung. Sie dramatisieren oder unterschlagen. Nicht so der Stumpfsinn. Zu ihm gehören Zögern und Innehalten. Es ist ein geduldiger, ein abwartender Sinn. Nicht Teilnahmslosigkeit kennzeichnet einen echt stumpfsinnigen Menschen, sondern eine Art Versunkenheit in den Status des Abwartens, über dem die Gewissheit schwebt, dass das Wesentliche, dass das eigentliche Geschehen erst noch eintreten wird und dass alles, was sich im Augenblick abspielt, nur Vorspiel ist.

Wie bei den Melancholikern, so kann auch bei den Stumpfsinnigen der Kopf aufgestützt vorgefunden werden. Das Kinn ruht in der Handfläche, das Armgelenk ruht auf dem Knie oder Oberschenkel des einen Beins, das über das andere geschlagen ist. Doch gibt es für den Stumpfsinnigen keine wirklich bezeichnende oder verbindliche Haltung wie für den gewohnheitsmäßigen Melancholiker.

Manchen Stumpfsinnigen genügt als Stütze ein Stock, ein einfacher Stab, an den sie sich lehnen.

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Man findet sie wie schlafend vor, die Stirn liegt auf dem Oberarm, die Nase plattgedrückt auf der Fläche eines Tisches.

Zu den Fähigkeiten stumpfsinniger Personen gehört, dass ihnen beinah überall irgendwie bequem ist. So sieht man sie still herumsitzen, unauffällig herumliegen, gelegentlich – wie die bedeutungsträchtige Schlange, die ihren Schwanz im Maul trägt – um eine imaginäre Mitte geringelt, diese vollständig leere Art Luftraum umschlingend.

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