Demut

Man liest: „in dem Augenblick, in dem du, demütiger Mensch, über deine Demut nachdenkst, ist sie auf und davon. Sie gehört zu den Dingen, die zu scheu sind, um sich bedenken zu lassen. Schönheit, Liebe, Licht und vielerlei mehr sind ähnlich scheu und – nennen wir sie lieber gar nicht erst beim Namen – wir könnten sie sonst gänzlich zum Verschwinden bringen.

Sie sind einfach – sagen wir: einfach zu subtil – um sich in Betracht ziehen und langwierige Untersuchungen über sich ergehen zu lassen.“

 

Immerhin: da gibt es, wie in fast allen so gelagerten Fälle, wenigstens das Wort. Damit lässt sich zwar nicht die Sache und ihr Wesen einfangen, doch geben Worte und Namen die Möglichkeit, wenigstens vorübergehend sich daran festzuhalten.

Damit erst einmal vorlieb nehmen.

Denn Worte sind gespeist von langer und vielfältiger Erfahrung, sonst wären sie schon längst aufgerieben, zunichte oder verschwunden wie die immer wieder entschwindende Sache.

Sie aber bestehen fort. Das spricht für sie, ein wenig auch für die angesprochene Sache.

 

Im vorliegenden Fall, wo es um Demut geht: im Wort steckt unzweifelhaft Mut, aber umfassender als bloße Kühnheit. Bei muot handelt sich um einen alten, heute ungebräuchlich gewordenen Seelennamen. Er taucht auf in Unmut und Anmut zum Beispiel.

 

Die erste Worthälfte, dies De-, geht auf dieselbe Wurzel wie dienen zurück. Dienen hat keinen erhebenden Klang. Und doch meint es zunächst nichts anderes als für jemanden etwas tun. Eine Form der Tätigkeit, in der nichts Herbsetzendes oder Entwürdigendes, nichts Sklavisches oder Knechtisches zu finden ist. Demut verstehen als Entschlossenheit, für andere, also nicht in unmittelbar eigener Sache, etwas zu machen, zu unternehmen, in Angriff zu nehmen. Ein Sinnverständnis, das eine stark in Misskredit geratene Haltung als selbstbewusste und solidarische Aktivität akzeptabel erscheinen ließe.

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