Diogenes‘ Schatten

Von Diogenes, dem Philosophen, der in einem leeren Fass gehaust haben soll, stammt ein durchs viele Zitieren gründlich verkehrter Spruch. Eines Tages von Alexander, dem großen Eroberer der Welt, besucht und befragt nach seinem größten Wunsch, soll er diesem geantwortet haben: „Geh mir aus der Sonne“. Wo doch Diogenes, an eben diesem Tage mitten im griechischen Hochsommer, nichts anderes gesagt haben kann als „Geh aus meinem Schatten!“, als der große, in voller Rüstung befindliche und ins Schwitzen geratene Herr Anstalten machte, aus der glühenden Sonne des Mittags, nirgends ein Baum oder Strauch, der Abkühlung halber sich ins beengte, aber schattige Fass des Philosophen zu zwängen.

„Geh aus meinem Schatten“, das ist keine hintersinnig erdachte Sentenz, sondern der Notschrei eines nur dürftig bekleideten Mannes, den der, in seinem glühenden und riesenhaften Goldpanzer steckende Herrscher beim Versuch des Hineinkriechens um ein Haar erdrückt und verschmort hätte.

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