Melangoma

Melangoma heißt ein kleiner, ansonsten unbedeutender Ort irgendwo auf dem Globus. Dort unterzieht man sich auch heute noch der Mühe, beinah stündlich den Schatten der Erde zu messen. Das war schon zu Zeiten der alten Griechen ein unsinnig erscheinendes und wenig einträgliches Geschäft, das man am liebsten den Narren auftrug und den Philosophen überließ.

Es gibt keine genauen Nachrichten darüber, wie man in Melangoma in dieser Sache verfährt.

Anaxímenes aber oder Anaximander – die beiden sind schwer auseinander zu halten -, pflegten mit Stöcken ins Flachland hinauszugehen, nach Mesopotamien oder ins Schwemmland des Nils, um dort draußen die Länge des Sonnenschattens abzunehmen.

Beide hatten ein Faible für Schatten und konstruierten daraus die erste abendländische Sonnenuhr.

Einer von beiden machte sich mit Knotenschnüren am Schatten der großen Pyramide zu schaffen.

Ungefähr im gleichen Zeitraum entwickelte Demokrit, der Atomforscher, seine Perspektiventheorie und Lehre vom subjektiven Beobachterstandpunkt.

„Umbrarum rationem invenit“, heißt es in einer späteren Würdigung dieser Forschungsarbeiten. In der Tat haben sie damals die Vernunft oder Ratio der Schatten erkundet, und das in einem Kosmos, in dem schon ziemlich vieles zufällig und baufällig schien. Eine abgerüstete Bühne – Demokrit hat es in melancholische Worte gesetzt: „ho kósmos skené, ho bíos párodos“, der Kosmos eine Rampenlichtszene, das Leben ein flüchtiger Auftritt im Chor.

Falls es Sie interessiert, was inzwischen aus der Erdschattenforschung der Leute in Melangoma geworden ist und in welcher Etappe sie sind: sie sind, dem Vernehmen nach, schon weit hinter das Sternbild Arkturos gelangt. Wir finden uns dort, melden sie, in der Spitze des irdischen Schlagschattens wieder.

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