Klassenfahrt

In der Kindheit prägen sich Dinge ein, ohne dass man je erfährt, warum.

Manches an Worten und Namen bleibt im Gedächtnis, Fragmente von Abzählversen, Blindekuhsprüche, Schüttelräume, Knobelbechergeräusche …

Beinahe alles davon hört sich später unsinnig an.

Es ist an Erfahrungen geknüpft, die sich so tief eindrückten, dass die ökonomisch angelegte Benutzeroberfläche des Bewusstseins, eine Art Asphaltdecke, darüber für immer geschlossen bleibt.

Die eine oder andere Reminiszenz gelangt höchstens per Zufall an die Oberfläche, durch Bewegungen, Regungen, Ströme, Erschütterungen usw. Dann bricht solches Tiefenmaterial durch und zeigt sich eckig, kantig, zersplittert, bizarr wie ein havarierter Weihnachtsstern mitten im Sommer.

 

 Amos Bartolsky Becker Burmeister Fett ..“ – eine alphabetische Reihung von Nachnamen, Familiennamen.

Eine Serie. Schlagartig. Sie gerät durch einen vorbeifahrenden Reisebus in den Sinn, der seitlich als Aufschrift den Schriftzug Amos trägt.

Amos, eine Firma, in der Kindheit, in den Fünfzigerjahren vor allem mit Reisebussen befasst.

Amos jr. geht zur selben Schule, in dieselbe Klasse wie Bartolsky Becker Burmeister Fett. Er führt die Klassengemeinschaft alphabetisch an, mit rundem Kopf und Gesicht, umgeben von einem blonden Lockenschopf.

Er könnte später das Busunternehmen Amos übernommen und dann an Kinder, Enkel, Erben weitergegeben haben.

Bartolsky hat eine kräftige Statur und eine dunkle, langsame Stimme. Ein guter Gegner im Schachspiel und schon als Junge mit dem Aussehen eines Erwachsenen (oder ist das eine durchgängige Regel, dass Kinder sich gegenseitig kaum als Kinder, sondern wie schon erwachsen wahrnehmen?) 

Burmeister ist ein Mädchen, weil diese Grundschulklasse gemischt ist. Ihr Vorname Gudrun. Sie hat blonde geflochtene Zöpfe und bleibt in Erinnerung, weil einer ihrer Brüder im Bodensee beim Kopfsprung sein Leben verlor.

Becker erinnere ich nicht.

Von Fett ist gerade noch der Namen geblieben und dass er im Gegensatz dazu lang, dürr und schlaksig umherlief.

Wie es nach Fett ihm im Alphabet weiter ging, das ist nur noch im Klassenbuch von damals zu lesen.

 

Diese ersten fünf, aber auch die anderen, im Alphabet nachfolgenden Klassenkameraden sind inzwischen wie im Traum Passagiere in einem Reisebus, der als bescheidenes Raumschiff, als schwäbische Zeitmaschine durch diverse Gedächtnisse saust, zwischen ab- und aufblitzenden Erinnerungen entlang.

Die alphabetisch gereihten könnten inzwischen die letzten geworden sein. Vielleicht sind wir schon in der Gegenwelt, wo alles mit Z anfängt, wie Zimzum zum Beispiel …

 

Amos, vorne am Steuer mit seinem Lockenkopf sitzend – er erinnert noch immer an einen venetianischen Engel – führt die Fahrt unbeirrt fort.

Bartolsky und Becker spielen versunken und hartnäckig Schach, Steckschach, das Brett von einem Knie auf das andere schiebend.

Burmeister schaut zum Fenster hinaus durch ein Glas, das den Blick schattenhaft spiegelt.

Fett bewegt sich auf dem Gang, der zwischen den Sitzen hindurchführt, wie ein Betrunkener in Fahrtrichtung schwankend nach vorn.

Er wird sich mit Amos austauschen wollen.

Es ist schummerig geworden.

Im gedimmten Licht dösen fast alle still vor sich hin.

Sie hängen dem Ziel nach, das der Omnibus ansteuern mag.

Einige schlafen bereits mit schräg auf den Schultern liegenden Schädeln und schiefem, aber weit offenem Mund, die Zunge still zwischen Augenspangen, Gelenkprothesen, künstlichen Blumen und langsam zerfallenden Grabbeigaben.

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