wieder zum Wolfsberg*

*ein Ausflug mit unterwegs begegneten Sichten.

 

Route unbestimmt. Es geht mit Wind im Rücken los. Feldwege. Einer davon dreht und driftet nach Südosten ab. Man hält sich gegen die bereits abgeernteten Felder mit dem Vorsatz, sie schiebend zu durchqueren, falls es noch abwegiger wird.

Entlang an einem Maisfeld im Windschatten.

„So schön sieht Nahrung aus“, sagt ein Schild an der Ecke des Maisfeldes. Es sind zwei gekreuzte goldgelbe Maiskolben über das Schild gemalt und ein Text macht aufmerksam auf den Nutzen der angebauten Pflanze. Er erläutert Popcorn und Puffreis, dass sie in Übersee produziert und dann bei uns eingeführt werden. Das hier jedoch ist Energiefutter für Kühe und Naturmotoren. Die Pflanzen stehen schön da. Oben sind sie rötlich und männlich, die Kolben in den Blattachseln entwickeln sich aus den weiblichen Körpern der Pflanze. Die ganze Pflanzung rauscht beim Lesen des halblauten Textes.

Dann tritt der Wolfsberg hinter der Ortschaft hervor. Die Häuser liegen am Hang,  angeschmiegt wie Davos am Arlberg., nur bescheidener, ländlicher, niedersächsischer. Die Dächer sind geziegelt und mitten im Ort lädt ein kleiner Friedhof ein.

Heute, an diesem letzten Tag im August, liegt der Wolfsberg, als hätte er sich umgebettet. Das muss im Schlaf geschehen sein, irgendwann in den Monaten, die seit dem letzten Wolfsbergausflug vergangen sind. Die Kontur, ebenso die Höhenlinien, alles ist schwer wiederzuerkennen. Aber er muss es sein. Eine Straße beseitigt den Zweifel. Wolfsbergstraße. Sie führt durch den Ort darauf zu.

Schlagartig ist man im Wald.

Er bedeckt den Berg wie eine dicke Haube. Um diese Zeit des Jahres schillert es noch in allen Grüntönen. Ein tief opaker, an manchen Stellen fast undurchdringlicher Wolfspelz. Einzelne größere Bäume ragen aus dem Pelz hervor, eine riesige Wasserpappel mit einem Stamm, den man kaum umwandern kann. Weiter weg ein paar Eichen, die schon ihre Früchte den darunter grasenden Wildschweinen zuwerfen. Gut gemeint, aber die Schweine haben schon längst Reißaus ergriffen. Sie haben sich auf den nächtlichen Äckern früher Kindheit in Sicherheit gebracht. Dort wühlen sie nach Kartoffeln und niemand kann sie vertreiben.

Der Wolfsberg ist schon mehrfach beschrieben worden und erleidet darin das Schicksal vieler Berge, die irgendwann zu Notiz und ins Netz genommen werden, um dann aus dem Berichten und Dichten nie mehr zu verschwinden: Matterhorn, Ararat, Nanga Parbat, Kilimandscharo und Pamir, Brocken, Mount Kinley und eben Wolfsberg.

Der Berichterstatter räumt ein, dass er mitbeteiligt ist, dass dieser Berg, wie so viele andere, nicht zur Ruhe kommt, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, winters wie sommers.

Aber der Berg trägt dazu bei: er heult aus der Ferne und wer ein Ohr hat für dieses ungeheuere Rufen kann nicht wiederstehen.

Seine Stimme kommt aus der Ferne, die sich dann mehr und mehr verringert. Sobald man einmal nahe genug herangekommen ist, hebt er seine Wolfsschnauze, als wollte er am helllichten Tag die Gestirne anheulen. Dabei gibt es hier keinen Mond weit und breit, hier nicht, und das schon seit Menschengedenken. Und wenn es je einen gegeben haben sollte: der Wolfsberg hat ihn mit gefletschten Zähen verschlungen. Das ist schon sehr lange her.

Von der erhobenen, tief in den Himmel gestreckten Schnauze hat man einen großartigen Ausblick ins ringsum liegende Land. Es dehnt sich mächtig in die Weite, als wollte es den Fernglasblicken entrinnen, die von der Anhöhe ausgeschickt werden. Tatsächlich wird nur ein Bruchteil der gewaltigen Ausdehnung sichtbar. Der Löwenanteil, der bereits zur Sonne gehört, entzieht sich dem Seher.

Gekreuzter Windschatten zwischen den Ohren des Wolfsberges.

Eine kleine Witterungsunregelmäßigkeit gegen Ende August.

Nichts Besonderes, hat nichts zu bedeuten.

Eine Lichtung im Fell, im Wald, der den Wolfsberg umhüllt.

Eine Lichtung wie Mottenfraß, wohltuend für Auge und Gehör. Hier zwitschert es. Singvögel spielen in einer Brombeergrube. Zwischen den Grashalmen der Lichtung schlägt ein Kaninchen einen Haken und noch weitere hinterher, als sollte es einen auseinandergerissenen Vorhang mit seinen Sprüngen zusammennähen.

Inzwischen ist das Rad weggeworfen und man steigt zu Fuß im Geröll empor, das die Flanke des Wolfsberges bedeckt. Nicht wirklich, aber der inneren Natur nach. Das Steigen ohne Schieben geht sehr leicht, fast schwebend. Auch ohne Stöcke und Steigeisen käme man von hier auf den erhobensten Punkt, auf den kartographischen Gipfel. Tut man aber nicht. Das ist heute nicht nötig. Denn auch vom erreichten Standort gibt es erneut einen großartigen Blick übers Land, das mit rotierenden Flügelkraftwerken daliegt. In die Weite sind Kalikrater verstreut. Sie tun sich auf, leuchten und verbreiten einen Glanz, der das Auge kühlt und noch dauern wird, wenn Aletschgletscher und Pasterze längst geschmolzen und als dunkles Wasser in den Ozean abgelaufen sein werden.

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