hohes Auflösungsvermögen

wegvonwegen200291.jpgh.A.v.

wird unterschiedlichen Dingen zugeschrieben, insbesondere dem menschlichen Auge. Dieses ist berühmt für hohes Auflösungsvermögen. Auge festigt zwar einfallendes Licht in gewissen Umrissen, Konturen, löst andrerseits alles in seine kleinsten Bestandteile auf.[1]

Der mechanische Blick der Kamera findet seine Grenzen in der Körnung des Films, ebenso landet und endet die digitale Auflösung beim Pixel. Die Wahrnehmung, die das lebendige Auge vornimmt, geht da in der Zertrümmeruwegvonwegen200301.jpgng und Auflösung – allerdings auch in der Wiederaufrichtung oder Herstellung – von Gestalten oder Erscheinungen, die vielleicht jeder chemischen, physikalischen und sogar optischen Grundlage entbehren, unendlich viel weiter.

Die Idee einer Substanz oder eines Agens mit hohem und höchstem Auflösungsvermögen geistert seit jeher durch die Köpfe alchemistischer Wissenschaften. Es war seinem Namen nach bekannt unter Alkahest. Eine arabische Wortbildung, wie Alkohol oder Alkaloid, die sich übrigens beide – auch von der Sache, vom Stoff her – alchemistischer Forschung verdanken.

Gründliche Arbeiten über das Prinzip, über die Wirkungsweise des Alkahest sind entweder nie angestellt worden oder nach der Ausarbeitung einfach verloren gegangen. Die Vermutung, sie seien womöglich aufgezehrt durch das Medium oder Sujet der Erforschung, Behandlung und Betrachtung, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihr Verschwinden entspräche einer gewissen Sachlogik und wäre dazu der schlagende Beweis für die reale Existenz und Auflösungskraft dieser Essenz. Alle Forschungsresultate und sogar Thesen, die der Wahrheit des Alkahest nahe gekommen sind, wären ihr damit schon zu nahe gekommen und müssten in ihr verschwinden, wie Strahlen und Information in einem Schwarzen Loch. Mit dem Alkahest, als einer Art Basilisk im Blick, lässt sich kein Wissen akkumulieren, weder in Lauten noch in Zeichen. Sie erleiden das Schicksal aller Dinge und Gedanken, die damit – unmittelbar und unvermittelt – in Berührung geraten. Sie werden davon tingiert und somit restlos aufgelöst.

Wirksamer Einwand: beim Alkahest handelt es sich doch um etwas bloß Erdachtes, dem keine über die Gedankenform hinausgehenden Folgen zugetraut werden sollte. Einfach eine aus Beobachtung und Spekulation, aus Auflösungsängsten und Erlösungswünschen gewonnene und errungene Vorstellung. Bei den Alchemisten ein psychisches Prinzip, das den Weltkörper in all seinen Gliedern, Teilen und Organen durchdringt. Bei den italienischen Futuristen, diesen Enthusiasten einer grenzenlosen und entgrenzenden Beschleunigung, ein Symbol von Geschwindigkeit, die in ihrer höchsten Steigerung alles zum Verschwinden bringt.

In seinen Aspekten Erlös und Lösegeld weist sogar Geld Alkahestqualitäten auf. 

Ob die so genannte Künstliche Intelligenz Wirkungen eines Alkahest zeitigen wird oder gar schon dabei ist, entsprechende Effekte auf Sachbestände und historisch gewachsene Lebensverhältnisse auszuüben, bleibt abzuwarten.

Ausgedachtes und Erfundenes sind nicht immer klar zu trennen. Sie gehören unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen an. Dennoch gibt es einen Punkt, eine Art Bodenluke, eine –  normalerweise allerdings verschlossene – unmerkliche Öffnung, die hin und wieder ein Durchgehen, ein Passieren erlaubt. Aber es gehört ein Bild, ein Wink, ein Code oder ein Passwort dazu, wie Sesam oder Simsalabim, irgendwie sinnwidrig und entsinnend zugleich.

Dieses könnte Betonbunker in Nebel auflösen und würde gestatten, dass man durch Wolkengebirge wie durch Luftschlösser steigt.



[1] Hier liegen übrigens die Ansätze für Kunst als einer unendlichen Reise durchs immer wieder verflüssigte Sichtbare, durch ein Universum, das nach weitgehender Auflösung durch den Blick im Wechsel und Austausch von Anblick und Anschauung neu Gestalt annehmen kann

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