Wetterlage, Rechtslage

„Außerdem sagte Jesus zu den Leuten: Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr denn die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“[1]

Eine schwierige Stelle. Ein Deutungsversuch:

Wie kommt Jesus dazu, meteorologische Phänomene in Vergleich zu bringen mit Zeichen, mit Anzeichen, die sich aus der Zeit ergeben, aus dieser Zeit?

Sind die Menschen nicht überfordert, wenn ihnen ein Urteilsvermögen abverlangt wird, das sich auf die Deutung politischer, sozialer oder anderer Zeitströmungen bezieht?

Und wenn sich schon die Meteorologen in ihren Wetterprognosen ständig vertun, wie sollen da Zeitgenossen zu einer zutreffenden Einschätzung, zu einer „richtigen“ Beurteilung ihrer Zeitläufe, ihrer aktuellen oder auch chronischen Situationen gelangen können?

Für Jesus stellen sich die Dinge offenbar anders dar. Die Leute beschäftigen sich mit Wind und Wetter, mit Witterungen und Klimafragen, während sie Naheliegendes, was sie ganz unmittelbar betrifft, außer acht lassen. 

Dass sie sich versiert geben in der Beschäftigung mit Fernliegendem, mit Äußerlichkeiten, dabei aber die Beachtung und Beobachtung naheliegender, sie unmittelbar betreffender Kernfragen vernachlässigen – vielleicht wird das zum Vorwurf gemacht?

Der hier zitierte Text ist der sogenannten Einheitsübersetzung entnommen. Dort hat der Absatz die Überschrift „Von den Zeichen der Zeit“.

Allerdings scheint unsere Vorstellung von Zeit an dieser Stelle korrekturbedürftig.

Das Griechische hat für Zeit chronos, während im Urtext kairos steht, das sich eher auf den gegebenen Augenblick bezieht. Oder, um es in einem Wortspiel auszudrücken, auf die in den zeitlichen Angelegenheiten gebotenen Gelegenheiten. Dann könnte man für kairos in diesem Fall Situation sagen.

Der Vorwurf der Heuchelei, den Jesus gebraucht, ist hart. Er beinhaltet wohl, dass die Leute scheinbar schön und sachkundig über das Wetter reden, um sich nicht einzulassen auf die eigene generell prekäre Lebenslage. Die Heuchelei zeigt sich in einer Verschiebung der Aufmerksamkeit, in einer Verkehrung des Interesses, das sich externen Erscheinungen zuwendet und abkehrt von den „eigentlichen“ Anliegen und Aufgaben, die der aktuelle Zeitpunkt, die Konfrontation mit Gegenwart präsentiert, die faktische – oder vielmehr nicht nur faktische –  Situation. Lebenslage als Rechtslage.

Davon ist im Anschlusstext die Rede. Er erläutert das aktuelle Moment, den Brennpunkt oder Fokus im Zeitpunkt: Zwist, Auseinandersetzung, Streit und Widerstreit, Klage und Anklage bilden ein unausweichliches Grund- und Lebensthema:

„Wenn du mit deinem Gegner vor Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen. Sonst wird er dich vor den Richter schleppen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen. Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.“ [2]

Die Gerichtssituation ist leitmotivisch, aber nicht nur als unausweichliche Bedrohung, sondern als Motivation und Gelegenheit zu einer frühzeitigen, zu einer rechtzeitigen Versöhnung, zu einer Aussühnung zwischen Gegner und Gegner.

Bei der Beurteilung des jeweils gegebenen Augenblicks oder Lebensmoments geht es nicht um ein bloßes Wähnen oder Meinen, wie bei der Einschätzung der Wetterlage, sondern um einen forensischen Akt. Man steht und geht in einem Prozess, man bewegt sich auf einen Prozess zu, dem man durch versöhnliche Angebote und geschicktes Verhandeln entkommen, aus dem man mit Einsicht und bei kluger Anerkennung der – zunächst vielleicht abstrus erscheinenden –  Rechtslage freikommen kann.

Die angedeuteten Abläufe finden sich häufig als ausgelagerte vor. Sie finden ihre externen Schauplätze und Austragungsorte, zu denen sicherlich auch Witterung, Wetter und Wirtschaftsprognosen gehören, samt den Auseinandersetzungen, die darüber geführt werden können.

Aber Gegnerschaft und Widersache sind zuletzt und zunächst interne, fast intime Angelegenheiten.

Mit Rücksicht auf Kontrahenten die eigene Partei ergreifen –  ein lebenslängliches Unterfangen, ebenso elementar wie komplex.


[1] Lukas 12, 54-57

[2] Lukas 12, 58-59

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