Schreiben

dias0054_kl.jpg                   Irgendwann früher trugen Dichter noch Ärmelschoner, beim langen Schreiben abends, um die Ellenbogen nicht wund zu scheuern.

Um den Nacken zu entlasten, trugen sie die Köpfe in Schlingen, die von der Decke herabhingen.

Schreiben – was für eine Arbeit, den Federhalter immer neu ins Fass mit Tinte zu tunken.

Wie mühsam, beim Führen des Schreibgeräts bei Kerzenlicht oder Kienspan immer wieder dem Schatten auszuweichen, den die schriftstellende Hand aufs Papier warf.

Was für eine lächerliche Aktion, Worte und Sätze noch einmal zu schreiben, wenn man im Dämmerlicht und im Eifer des Schreibens tintenlos geschrieben, praktisch ungeschrieben hatte.

Wie ärgerlich die Unterbrechungen, wenn beim Schreiben mit Stift dieser neu gespitzt werden musste, unter Verwendung eines Federmessers, dessen Handhabung nicht immer ohne Verletzungen abging.

Poeten in Schlafröcken, die sich nachts aus den Betten erheben, um einen Vierzeiler zu Papier zu bringen, sind vielleicht schon immer Ausnahmen. Aber auch sie Exemplare ungewöhnlich heftiger Berufung.

Frage: wie lagen die Dinge, als die Schriftsteller ihren Text noch in Wachstäfelchen drückten? Und wie, als alles noch mit Griffeln in Stein geritzt werden musste, in unnachgiebige Stoffe, in Felswände, Alabasterplatten und Marmor?

Wie lief das mit den Federkielen, die man Gänsen und Schwänen ausrupfen musste, um dem geflügelten Schriftstellen nachzugehen?

Was für Gefühle mögen den Schreiber beschlichen haben, der sein Lebenswerk auf Tontafeln geschrieben hatte, das dann im überhitzten Brennofen in tausend Stücke zersprang?

Pergament: ein karger Raum, wo nicht einmal Radieren möglich war. Da mussten die geschriebenen Buchstaben, Worte und Sätze mit Klingen abgeschabt werden. Kratzwerkzeuge, die bereits stumpf waren von der Rasur der bei der Arbeit wachsenden Bärte. Stumpf auch vom Abschaben der Tierhäute, vom mühsamen Roden neuer Schreibflächen.

Heute haben Schreiber das Glück, unendlich ausufern zu können. Nachträgliche Einfügungen, Löschungen und Fußnoten breiten sich leichthändig aus, während Generationen vor uns auf Lederhäuten eingepfercht waren.

Schreibleidenschaft: früher wie Dschungeldurchqueren, Materiendurchgraben oder Sandkörnerzählen.

Heute setzt man sich hin, schreibt leicht in helles Revier, speichert ab und die winzigste Zuckung, der flüchtigste Anhauch bleibt oder geht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.