Traum: unterwegs in Berlins Neuem Osten

dias0039_kl.jpggegen 8 Uhr

Seitdem im Ostteil Berlins die großen Veränderungen eingetreten sind, ist das unterirdische Netz der U-Bahnstollen freigegeben. Dort unten fahren keine Züge mehr, die Gleise sind ausgeräumt. In der Dunkelheit gibt es Risiken, zu stolpern, sich zu verlaufen. Doch grundsätzlich sind Wanderungen in der Tiefe möglich und erlaubt. Auf senkrecht gestellten, still stehenden Rolltreppen geht es hinab. Hier sind Vorsicht und Schwindelfreiheit geboten. Vorsicht beim freihändigen Herabsteigen, beim Herabsteigen mit Gepäck auf dem Rücken! Mit Rollkoffern an den Händen ist es unmöglich, auch wenn man sich gegenseitig hinabhelfen wollte. Nach längeren Gängen und Wegen durch die Tiefe langt man unversehens oberirdisch an. Die Stollen öffnen sich und gehen in Dämme über, die hoch über der Landschaft und weit in die Umgebung hinausstreben. Am Rande der Deichkrone wird von ein paar Leuten ein Feld bestellt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich: sie pflanzen massenhaft Thermometer ein. Eines sieht wie das andere aus. Billigimport aus Fernost. Die Glasröhrchen mit der Quecksilbersäule sind auf Skalen befestigt, die auf schmale Streifen aus Pappe oder Plastik aufgedruckt sind. Quer über jedes Stück verläuft ein Phantasiemarkenname als Schriftzug. Die Dinger sehen aus wie Lesezeichen. Ganze Berge davon sind aufgehäuft. Über den Begriff Massenware kommt es zu einem Gespräch mit den Anbauern. Sie sind hier im Neuen Osten zu Hause. Sie verbinden mit Massenware unverständliche, irritierende Vorstellungen. Eine Verständigung darüber ist schwierig. So wandert man weiter und wundert sich, was daraus werden soll. Die Leute auf dem Feld fahren unbeirrt in ihrer Pflanztätigkeit fort. Aus der Entfernung, im Blick über die Schultern zurück kann man sehen: es werden noch mehr große, aus Weidenruten geflochtene Körbe ans Feld herangefahren, bis oben angefüllt. Die Thermometer werden einzeln herausgenommen und eingesetzt. Ein Teil wie Rübenstecklinge. Ein anderer Teil wird im Buschwerk befestigt, das von einem ausgedehnten Feld mit Heidelbeerkultur herüberwächst. Man pfropft sie dort auf wie Reiser in einen Obstbaum.

Einige Zeit später umfangreiches Neubaugelände. Eine imposante architektonische Anlage, Wallfahrtskloster oder Spital. Die ersten Besucher wandeln durch die lichterfüllten Räume. Manches ist noch unfertig. Aber der große Atem des Projekts umweht einen spürbar. Zur Begrüßung tönt eine Stimme in den Hallen auf. Vielleicht schon die Einweihung, die jetzt beginnt? Von draußen, von weit her strömen Menschen herzu. Die Stimme sagt, dass  die Anlage für 180 000 Unterkünfte eingerichtet ist. Eine gewaltige Zahl. Aber wird es zu einer spürbaren Besserung der Verhältnisse kommen, in Anbetracht all der Bedürftigen, deren Zahl ins Unendliche geht? Es sind auch schon Briefträger unterwegs, Postboten, die in nachtblauen Uniformen und mit breiten gelben Lackgürteln wie Wespen umherschwirren. Auch sie sind noch ganz neu hier und können nur vage Auskünfte geben.

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