auswildern, kartographieren

8 Uhr

Unüberwindliche Zuversicht, es müsse sich kartographieren lassen, das Gelände, in dem wir uns bewegen. Ein labyrinthischer Organismus, keine Frage. Wenn wir einander Details zuschicken, Beschreibungen der Orte, an denen sich ein jeder gerade aufhält – wie fragmentarisch auch immer – zusammengesetzt könnten diese Erkundungen, diese Mitteilungen einen annähernden Eindruck des Universums vermitteln, in dem wir ausgesetzt sind.

Die Aussicht auf einen detaillierten Lageplan der gegenwärtigen Welt- und Lebensräume mit ihren jähen Tiefen und schroffen Steilwänden, spornt immer wieder dazu an, Tagebücher, Lagebücher zu erstellen. Es müsste sich ein Zusammenhang der einzelnen Orte entwerfen lassen, in denen bislang vereinzelt und orientierungslos herumgestiegen wird. Ein Überblick, eine Übersichtlichkeit, wie man sie durch Messtischblätter und Generalkarten erhält, ist vielleicht Illusion. Aber ein Netzwerk, nach und nach aus den bereits erkundeten Daten geknüpft, das müsste doch in Reichweite sein.

Unterwegs trifft man doch immer wieder auf großartige Ansätze, unternimmt selber Anläufe. Es macht nichts, dass manches nicht weiter verfolgt wird. Unausbleiblich, dass sich vieles im täglichen Dickicht verfängt oder auf Halde endet, in Schotter und Sand.

Ausgesetzt in labyrinthischen Räumen, ausgesetzt auf  platten Felsnasen und schmalen Simsen, in einem Labyrinth, aus Labyrinthen zusammengesetzt. Schwierige Lebenslagen, die sich daraus ergeben, aber dem Los der Geschöpfe vorzuziehen, die als Raubvögel, Hunde, Katzen eingesperrt in tragbaren Körben, Hütten, Zwingern leben müssen.

Menschenleben sind anfänglich ähnlich gewesen.

Daher die Überlieferungen, die von einem Freigehege erzählen, die Berichte vom Garten Eden oder Paradies. Sie deuten auf Zustände und Lebensumstände, die vor unserem Auswildern lagen. Lachse werden im Rhein ausgewildert, Braunbären im Riesengebirge, Waschbären an den Oderteichen, Menschen im Labyrinth.

Vor dem Auswildern waren wir weitaus zahmer als heute und haben den Gestirnen, den Göttern und Geistern aus den Händen gegessen.

Aber die Zeiten sind vorbei. Jetzt streunen wir herrenlos, aber frei und auf eigene Faust im Gelände, an seinen Winkeln, Ecken und Kanten entlang. Räumlichkeiten, die wir eigentlich nicht ausgesucht haben. Aber inzwischen kommt man ganz gut zurecht. Man gewöhnt sich an Unwegsamkeit, an Schroffen, an Schwindel und Tiefen. Sogar den Gefahren gewinnt man tägliches Brot ab.

Unter diesen Voraussetzungen und Umständen ist das Projekt einer vollständigen Kartographie des Geländes nicht schlecht. Örtliche Besonderheiten, auch belanglos erscheinende Einzelheiten sollten aufgenommen werden, um auf diesem Wege zu einer Gesamtansicht zu kommen, wie vorläufig auch immer sie sein mag. Von überall her aufnehmen, in Bilder und Anschauungen übertragen, die sich dann im Netzwerk übermitteln lassen.

Abschließende Bemerkung zum Prozess des Auswilderns: man kann nicht davon ausgehen, dass wir uns mögen, weder aus der Ferne noch aus der Nähe, dass wir auf einander zufliegen würden, wenn wir könnten. Es sind und bleiben getrennte Klassen und Kasten, gesonderte Distrikte und Sektionen, denen jemand angehört. Aber gerade deswegen ergibt das Projekt einer Gesamtkartographie Sinn. Gesamtkunstwerke haben nur eine flüchtige Existenz, aber universale Kartenwerke könnten bis ans Ende begleiten. In dieser Hinsicht bietet Tagebuchschreiben eine gewisse Gewähr, dass es wo lang geht. Es fädelt an einem weit gespannten Netz- und Kartenwerk, an einer gigantischen Replik des Labyrinths, in dem zwar viele noch ahnungsloser umhertappen, doch mit einem aufkeimenden Vergnügen im Herzen: hier geht es irgendwo weiter.

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